Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Windschlüpfrig geformte Karosserie, Styling zwischen neuartig und vertraut: VW ID.3. Auffallend langer Radstand: Es gibt viel Platz zwischen Achsen und vorn keinen Motor.
Fahrbericht

Wie man einen GTI mühelos staubt

Tesla-Fahrer dürfen gähnen: Durch ein gelungenes Set-up mit Heckantrieb lassen sich im VW ID.3 die Vorzüge des E-Antriebs voll auskosten. Für den Fahrkomfort ist auch mehr zu zahlen, aber es gibt noch anderen Mehrwert.

Wien. Wann hat es das je gegeben, dass ein Auto aus US-Produktion (und mittlerweile einem Werk in China) bei uns zu nennenswerten Verkäufen kommt? Wem jetzt der Chrysler Voyager einfällt, der wurde in Graz gebaut. Die Marke, der das Kunststück gelang, ist natürlich Tesla, im vergangenen Februar rangierte das Model 3 auf Platz neun der Charts und an der Spitze der rein Elektrischen, kurz BEV.

Die ersten zwei Monaten des Jahres zusammengerechnet, vermochte VW mit dem ID.3 eine Art alter Ordnung wiederherzustellen – der liegt vor dem Tesla, hauchdünn, und auf Platz 16 gesamt. Von da aus ist es nicht mehr unvorstellbar weit zum Golf, der allerdings kein Platz-eins-Kandidat mehr ist (ausgebootet vom eigenen Konzern). So hatte sich das VW ungefähr vorgestellt: Der ID.3 als Golf der neuen Zeit. Ist er das?

Prospektive Käufer eines BEV haben Für und Wider der Technologie für sich und ihre Bedürfnisse wohl schon abgewogen. Während viel von den bekannten Einschränkungen bei Reichweite und Aufladen die Rede ist, schauen wir uns beim ID.3 die Stärken an. Davon hat er im Umfeld seiner direkten Konkurrenten doch einige.

Gar köstlich Schub

Das Verhältnis von Außenlänge zu Radstand beispielsweise ist konkurrenzlos. Das heißt, obwohl man im kompakten Format unterwegs ist, hat man Platz zwischen den Achsen wie in einer ausgewachsenen Limousine. Fuß- und Knieraum im Fond sind gut tauglich für Erwachsene. Und das geht nicht auf Kosten des Kofferraums, der gleich groß ist wie im Tesla (und einen Hauch größer als im Golf).

Mit Verbrenner-Bauweise ist derlei nicht zu haben. VW hat mit dem MEB (Modularer Elektrobaukasten), auf dem bald ein Dutzend Modelle mehrerer Konzernmarken fußen wird, eine exzellente Plattform geschaffen. Tesla-Fahrer dürfen an der Stelle gern effektvoll gähnen: Auch wenn VW es bei Golf und Co. jahrzehntelang anders gemacht hat, bei den Stromern ist der Antrieb hinten – unabdingbar bei einem kräftigen E-Motor, der sein volles Drehmoment quasi aus dem Stand entfacht. (Eine Allrad-Variante namens GTX lässt VW bald folgen, aber die wird, mit zünftiger Leistungssteigerung verbunden, richtig teuer.) 

Die Presse/Clemens Fabry

Wo Vorderräder schnell überfordert wären und auf dem Asphalt um Grip rängen, setzt der ID.3 jeden Zentimeter am Fahrpedal ansatzlos in feisten, köstlichen Schub um, lautlos und unspektakulär, wie am großen Gummiband gezogen.

Kaum tut sich im städtischen Gewusel eine Lücke auf, ist sie schon genutzt, bevor man im Verbrenner-Auto auch nur zurückgeschaltet hätte. Mit einem einzigen Gang, typisch BEV, kann man im ID.3 nie im falschen sein. Das hohe Gewicht von 1,8 Tonnen leer ist nicht störend spürbar, es ist schwerpunktmäßig günstig, weil bodennah verbaut und förderlich für Stabilität und Traktion.

Man muss es freilich nicht auf Duelle anlegen, die ein um 100 PS stärkerer Golf GTI nicht gewinnen könnte. Die hohe Antriebskultur entfaltet sich durch Geschmeidigkeit und Elastizität auch bei gelassener Fahrweise.

Das Design des ID.3 mit glatten, verschalten Oberflächen folgt dem Bemühen um Windschlüpfrigkeit, das Styling wandelt zwischen neuartig und doch aus der vertrauten Ecke kommend. Makena-Türkis als Außenfarbe trifft den Nerv eher nicht, wir sehen ID.3s überwiegend in gedeckten Farben, offenbar lieber unauffällig!

Die Presse/Clemens Fabry

Der Innenraum ist hell, luftig, mehr glatt und clean als heimelig, mit Materialien, die den Charme jungfräulicher Öffis verströmen und eher wenig schmeicheln. Kann man als Abstrich sehen, aber sauber und solide gefertigt ist der VW von vorn bis hinten.

Doch wie lang hält der Spaß nun? Zu unterschiedlich reagiert der Energiespeicher auf Fahrweise und Bedingungen, als dass man einen seriösen Wert nennen könnte. Wer an Reisen denkt oder im Alltag nicht zu Hause oder im Job laden kann, sei willkommen in der Pionierzeit der Lade-Infrastruktur, mit allen Leiden, aber auch Vorzügen: Die meisten Ladesäulen in Wien blinken noch einsam vor sich hin. Stadtnahe Pendler brauchen sich eine ganze Woche keine Gedanken zu machen, auch den Segen unseres Mittelstreckenpendlers im Haus nahm der ID.3 mit.

Tesla-Jünger wird er indes nicht bekehren. Da mangelt's an IT-Appeal und Musk'scher Verwegenheit im Hintergrund. Anderen mag die Biederkeit der alten Marke ein sicherer Hafen sein, um vielleicht doch elektrisch loszulegen.

VW ID.3 First Edition plus58 kwh

Maße L/B/H 4261/1809/1568 mm. Radstand 2770 mm. Kofferraum 385 bis 1267 Liter.

Leergewicht 1805 kg.

Antrieb Permanenterregte Synchronmaschine, Leistung max. 150 kWh (204 PS), Drehmoment max. 310 Nm. Lithium-Ionen-Akku, Kap. 58 kWh netto.

0–100 km/h in 7,3 sec. Vmax 160 km/h.

Hinterradantrieb. Eingang-Getriebe.

Verbrauch im Test 18,5 kWh/100 km.

Preis 45.390 Euro (abzgl. Förderg).


[RAT4V]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2021)