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Jeden Samstag surreal

Unterschiedlicher könnten sie gar nicht sein, die beiden Gebäude, die in Brüssel den Namen Magritte tragen: einerseits das prächtige neue Museum im Zentrum, andererseits das ehemalige Wohnhaus, ein bescheidener Backsteinbau. Magritte in Brüssel: eine Erkundung.

Ein ganz normaler Belgier wollte er sein, korrekt gekleidet mit dunklem Anzug und Melone. Er lebte in einer Wohnung in einem Brüsseler Vorort mit Frau und Hund, fertigte Werbegrafiken an und malte. Nach seinem Tod, 1967, wurde er einer der bekanntesten Künstler der Moderne. René Magritte entdeckte in den 1920er-Jahren den Surrealismus für sich, und zwar in den Bildern des Italieners Giorgio de Chirico. Magritte verbrachte einige Jahre in Paris, dem Epizentrum der surrealistischen Bewegung. Dort traf er auf André Breton, der mit dem „Surrealistischen Manifest“ Wortführer der Künstler auf der Suche nach anarchischer Selbstverwirklichung war. In der Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre zog Magritte nach Brüssel zurück. Ökonomische Überlegungen führten ihn zu seinen „idiotischen Arbeiten“, wie er sie nannte – den Werbegrafiken. Jetzt ist das surrealistische Genie René Magritte auf den Kunstberg im Zentrum von Brüssel gezogen, in ein eigenes Museum.

Höchst repräsentativ untergebracht ist das Magritte-Museum im neoklassizistischen Palais Altenloh. Rund 200 Original-Magrittes, vor allem aus der Sammlung von Magrittes Ehefrau, Georgette Berger, und aus der Sammlung von Irène Hamoir-Scutenaire, einer Freundin des Künstlers, bilden den beeindruckenden Grundstock für das als Publikumsmagnet gedachte Museum.

Zu sehen ist, wie Magritte im Gemälde „Das Reich der Lichter“ Häuser am helllichten Tag in Dunkelheit hüllt. Das Bild ging in die Trivia der Filmgeschichte ein, als Vorlage für eine der berühmtesten Szenen in dem Film „Der Exorzist“. Magritte suchte das Absurde in der Realität zur Befreiung des Geistes. „In der Gesellschaft, in der man lebt, soll man schon vorher Festgelegtes von sich weisen“, zieht Frederik Leen, Kurator im Magritte-Museum, die Lehre aus Magrittes Bildern.

Bei einer großen Retrospektive vor einigen Jahren wurde in Brüssel anhand der zahlreichen Besucher aus aller Welt festgestellt, dass Magritte einer der wenigen Künstler der Moderne ist, deren Bildsprache von einem breiten Publikum international verstanden wird. In dem Bild „Das Fernglas“ ist ein Fenster zu sehen mit einem geöffneten Fensterflügel, dahinter ist es schwarz. „Alles in dem Bild ist perfekt möglich, nur eine winzige Ecke ist nicht möglich, das sollte man sich selber ansehen“, meint Frederik Leen schelmisch und bringt damit die vielleicht wichtigste Botschaft von Magritte auf den Punkt: Alles muss genau betrachtet werden. Der Künstler prägte sein eigenes Bild im Bewusstsein des Publikums. Jeder erkennt Magritte mit seinem schwarzen Anzug und mit seiner Melone. Magritte vermittelt das Bild eines Kleinbürgers, sehr verbunden mit seiner Stadt, seiner Frau, seinem Hund und seinem Haus. Magritte reist nicht gerne. Er ist eine Persönlichkeit, die anziehend und einnehmend wirkt. Er schafft ein Werk, das als subversiv, als surreal, als unkonventionell bezeichnet werden kann. Und gleichzeitig ist er extrem normal. Er forscht nach der Poesie des Lebens.

In Brüssel werden Magritte-Spaziergänge angeboten. Sie führen an vermeintlich surrealistische Orte oder Stellen in der Stadt, die mit Magritte verbunden sind. Der schwarze Turm auf der Place Sainte Catherine ist ein Relikt der alten Stadtmauer Brüssels und stammt aus dem 12. Jahrhundert. Auf einigen Magritte-Gemälden tauchen ähnliche Bauwerke auf, sicher kannte der Künstler den schwarzen Turm, möglicherweise ließ er sich von ihm inspirieren. Heute wirkt der schwarze Turm durch seine architektonische Einbettung in ein neues Hotelgebäude selbst einigermaßen surrealistisch. Lange wurde diskutiert, ob der alte Stadtturm abgerissen werden solle, schließlich wurde er in das Hotel integriert und der Neubau rundherum gebaut.

Das 1914 eröffnete Café Greenwich mitten im Zentrum von Brüssel war ein Stammlokal von René Magritte. Ins Café Greenwich kommt man damals wie heute zum Schachspielen. Es ist eines der wenigen Brüsseler Cafés ohne Musik. Magritte fuhr mit der Straßenbahn ins Zentrum und brachte bisweilen ein Bild mit, das er gerade gemalt hatte, dann dachte sich die Kaffeehausrunde einen Titel für das Gemälde aus. Auf der Rückseite des Gemäldes wurden die Vorschläge mit Kreide festgehalten, zu Hause überlegte Magritte, welchen Namen er dem Gemälde geben solle.

Der Magritte-Spaziergang geht weiter, vorbei an dem Geburtshaus eines Freundes von Magritte, des Kunsthändlers E.L.T. Mesens. Mesens war es, der Magritte ersten internationalen Erfolg bescherte, indem er die Bilder des Malers in seiner Galerie in London verkaufte.

Über den Boulevard Anspach, wo das Haus der sozialistischen Gewerkschaft steht, in welchem André Breton in Brüssel erste Vorträge über den Surrealismus hielt, führt die surrealistische Tour in ein uriges Lokal mit Namen „Die Goldblume in Papier“. Zu Kaffee oder Tee werden Bierpralinen gereicht. Ein Foto zeigt Magritte und seine Freunde vor dem Lokal mit dem damaligen Besitzer und mit Irène Hamoir-Scutenaire, der Sammlerin, es wird erzählt, dass der frühere Besitzer des Lokals eine Version von Magrittes „Ceci n'est pas une pipe“ besessen habe, doch der Mann ist mittlerweile gestorben und der Verbleib des Gemäldes ungewiss.

Magrittes Wohnhaus liegt im Nordwesten von Brüssel, im Stadtteil Jette. Beim Friedhof von Jette hält die Straßenbahnlinie 91, die Magritte immer ins Stadtzentrum brachte. Magritte lebte im Erdgeschoß eines Hauses in der Esseghem-Straße, einer reinen Wohnstraße mit niedrigen Backsteinbauten. In den zwei oberen Stockwerken lebten zwei andere Familien. Noch heute ist die Aufteilung des Hauses an den drei Briefkästen erkennbar.

Inzwischen ist das Haus jedoch ganz als Künstlerheim eingerichtet. André Garitte betreibt es als Privatmuseum: „Magritte wohnte in Jette, weil es hier erschwinglich war und weil er hier auch seinen Hund mitnehmen konnte – das war ihm wichtig.“ André Garitte kaufte das Haus, in dem René Magritte ein Vierteljahrhundert lang lebte, im Jahr 1990 und renovierte es in sechsjähriger Arbeit. Es gelang ihm, 70 Prozent des Originalmobiliars aus Magrittes Besitz wieder in dem Haus zu vereinen. In Magrittes Wohnung fallen vor allem die Farben an den Wänden auf, die Magritte selbst ausgewählt hat, Blau im Wohnzimmer, Grün, Gelb und Rosa, jedes Zimmer in seiner eigenen kräftigen Farbe.

Auffallend ist der Kontrast zwischen den farbigen Wänden und dem recht konventionellen Mobiliar. Der Künstler bezog seine Inspiration aus seiner unmittelbaren Umgebung, er benützte Elemente seiner Wohnung, um seine Bilder zu inszenieren. In dem Bild „Die verbotene Lektüre“ ist die steile Treppe zu erkennen, die in die oberen Stockwerke des Magritte-Hauses führt. Es entsteht der Eindruck, dass die Treppe in die Wand führt, dass kein Ausgang möglich ist, eine optische Illusion sowohl auf Magrittes Bild als auch in seinem Haus. Die Idee der Treppe ohne Ausgang entstand also durch die Beobachtung der alltäglichen Realität.

Das Esszimmer diente Magritte als Atelier, ein sehr kleines Zimmer mit wenig Licht, sehr ruhig. Unter der Woche war Magritte allein in Jette, seine Frau Georgette arbeitete als Verkäuferin im Zentrum von Brüssel. „Magritte wollte nicht isoliert sein vom Leben, um zu malen“, sagt Claire Thibault, eine junge Kunsthistorikerin, die durch das Magritte-Haus führt. Am Samstagnachmittag kamen die Surrealisten zu Besuch. Sie waren Dichter und Schriftsteller, Magritte war der einzige Maler der Gruppe, gemeinsam wurden die Bilder von Magritte begutachtet und kommentiert. Für Magritte, der Kommunist war, bedeuteten die Treffen mit den Freunden eine kollektive Aktivität, der Austausch von Ideen und Kunst. Die Freunde organisierten Karnevalsszenen im Garten und hielten diese in Fotografien fest. Eine Fotografie zeigt René Magritte, wie er Salvador Dalí imitiert.

Sein Leben teilte Magritte bis zu seinem Tod im Jahr 1967 mit seiner Ehefrau Georgette. Er traf Georgette Berger, als er noch ein Kind war, in Charleroi, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, dann verloren sich die beiden aus den Augen und trafen einander in den 1920er-Jahren zufällig in einem Park in Brüssel. Georgette Magritte war immer von der Begabung ihres Mannes überzeugt, es waren wirtschaftlich schwierige Zeiten, doch ab jenem Moment, als Magritte berühmt wurde, verwöhnte er seine Frau. Und auch in der Wohnung in Jette hat er für Georgette ein kleines Badezimmer einrichten lassen, keine Selbstverständlichkeit für ähnliche Wohnungen der Zeit.

An der Rückseite der Wohnung der Magrittes befindet sich ein kleiner Garten, der insbesondere für Magrittes Hund Jackie, den Spitz, wichtig war. Unzählige Fotos zeigen Magritte mit seinem Spitz im Garten des Hauses in der Esseghem-Straße. Der Garten war wild, Magritte empfand kein Interesse an Gartenarbeiten, doch am Ende der kleinen Grünfläche ist eine Art Wintergarten eingerichtet. Darin war Magrittes Studio Dongo untergebracht, der Raum, in dem der Künstler als Werbegrafiker arbeitete. „Dongo“ ist vielleicht ein Wortspiel mit „dingo“ – auf Französisch „verrückt“. Dongo ist aber auch der Name des Helden in der „Kartause von Parma“ von Stendhal, ein Buch, das Magritte hasste. Der Name schlägt die Brücke zwischen einer Art von Literatur, die Magritte ablehnte, und seinem Brotberuf, den er verachtete.

Unterschiedlicher könnten sie wohl nicht sein, die beiden Gebäude, die in Brüssel den Namen Magritte tragen. Einerseits das prächtige Museum mitten im Zentrum, andererseits das bescheidene Backsteingebäude, wo der Künstler wohnte. Die Verbindung stellen die Bilder dar. Viele Details der Künstlerwohnung finden sich immer wieder in den Gemälden des Künstlers. Der Kamin und die Glastüren des Wohnzimmers, das Treppenhaus mit den markanten Treppenpfosten, die Türbeschläge und -griffe. Und so wird das Gegensatzpaar Museum–Wohnhaus zu einem weiteren Beleg für die raffinierte Verbindung von Kunst und Alltag, die René Magritte vorlebte. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2010)