Hohe Feiertage im neuen jüdischen Altersheim.
Wien.„Nett sind sie hier alle, aber ich kenn nicht mal die Namen“, sagt Ada Rawicz. Seit seiner Eröffnung im Dezember 2009 wohnt die rüstige Dame, die ihr Alter nicht verraten will, im Maimonides-Zentrum.
Das moderne, achtstöckige Altersheim der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien ist Teil des größten jüdischen Zentrums Europas: In der Simon-Wiesenthal-Gasse nahe beim Handelskai befinden sich auch die Zwi-Perez-Chajes-Schule mit Kindergarten sowie der Sportklub Hakoah.
Ein modernes Ghetto errichtet zu haben, fürchteten viele nach der Eröffnung. Doch schon am 2.Oktober wird sich die Erreichbarkeit des Zentrums erheblich verbessern: Die neue U2-Station Donaumarina ist dann nur wenige Schritte entfernt.
Heute, Samstag, ist Jom Kippur (Versöhnungstag), der höchste jüdische Feiertag. Wer gesundheitlich dazu in der Lage ist, fastet von Freitagabend bis Samstagabend und verbringt den Tag betend. Der religiöse Leiter, Jakov Indik, zelebriert den Gottesdienst in einem kleinen Raum neben dem Speisesaal. Mit einem Paravent ist der Frauenbereich notdürftig abgetrennt. Die neue Synagoge mit 350 Sitzplätzen in der Schule wird nicht verwendet. Der Weg dorthin sei für die alten Leute zu lang und die Sicherheitsvorkehrungen aufwendig, so Direktor Hansjörg Mißbichler. Vor allem an den Feiertagen habe man die Sache „organisatorisch noch nicht im Griff“. Dabei wurde eigens für solche Zwecke eine Verbindungsbrücke zwischen Sanatorium und Schule gebaut. Ein Architekturfehler? „Könnte man sagen“, so ein Mitglied des Beirats. Das gleiche Problem gibt es bei der Mitbenützung des Sportzentrums.
Personal fehlt
Auch in anderen Bereichen kämpft das nach dem jüdischen Rechtsphilosophen und Arzt Moses Maimonides benannte Heim mit typischen Problemen nach Vergrößerungen: „An unserem Standort in Döbling hatten wir 158 Betten. Jetzt sind es 204“, erklärt Direktor Mißbichler. Und das Heim ist ausgelastet. Es fehlt an Personal – und an familiärer Atmosphäre. Das beklagt nicht nur Ada Rawicz. „Wir arbeiten daran“, so ein Mitglied des Beirats: „Wir organisieren wöchentlich mehrere Veranstaltungen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2010)