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Stadtentwicklung

Graz: "08/15-Wohnungen gehen schlechter"

Blick auf Graz.
Blick auf Graz.(c) imago/blickwinkel (imago stock&people)
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Starker Zuzug, zahlreiche Bauprojekte, stagnierende Mietpreise: Wie sich die Immobilienlage der steirischen Landeshauptstadt entwickelt.

Graz verzeichnete bis vor Kurzem das stärkste Bevölkerungswachstum von Österreichs Städten – rund 4000 Menschen jährlich zog es in die Landeshauptstadt. Die Verantwortlichen hatten die Zeichen der Zeit erkannt und einige Stadtteilentwicklungsprojekte in Angriff genommen, um Wohnraum bereitzustellen – und neue Grätzel zu entwickeln.

Die beiden größten: die Reininghausgründe und die Smart City.

„Mit beiden Projekten sind wir im Plan“, erläutert Bernhard Inninger, Leiter des Stadtplanungsamts Graz. Nicht ganz einig sind sich die Fachleute über die Notwendigkeit so vieler neuer Wohnungen. Alexander Scheuch, Managing Director der Rustler Immobilientreuhand GmbH, meint: „Bisher gab es ein sehr großes Angebot an nahezu baugleichen Zwei-Zimmer-Wohnungen, die man im Hinblick auf die demografische Entwicklung gebaut hat. Ins Hintertreffen sind dabei größere Wohnungen für Familien geraten. Hier scheint aber nun doch ein Umdenken auch bei den Bauträgern eingesetzt zu haben.“

Auch Barbara Hammerl, Geschäftsführerin des Stadtlabors Graz – das sich selbst als Innovationslabor für nachhaltige und lebenswerte Städte und Gemeinden versteht, und das Quartier 12 auf den Reininghausgründen betreut –, plädiert für eine gute Durchmischung in den neuen Wohnprojekten, auch was die Wohnungsgröße betrifft. Eine Wohnanlage, die nur Kleinwohnungen anbiete, betrachte sie als schlechte Entwicklung. Nachsatz: „Wobei ich manchmal den Eindruck habe, dass die Kleinwohnungen eine zynische Antwort auf das sogenannte leistbare Wohnen sind.“ Inninger fügt hinzu: „Wir schauen bei all unseren Projekten, dass es diverse Wohnungsarten und -größen gibt, damit nicht zu viele kleine Wohnungen gebaut werden. Wobei es natürlich oft eine wirtschaftliche Frage ist, was sich die Menschen leisten können.“

Mehr Vielfalt, mehr Anspruch

Die Preise haben sich durch den Bauboom und das große Angebot an Wohnungen nicht verändert. Die durchschnittlichen Mieten in Graz liegen geringfügig unter denen in Wien. „Da die Baukosten nicht explodiert sind, bleiben auch die Mieten mehr oder weniger gleich, der Markt regelt sich hier von selbst“, merkt Scheuch an.

"Wir schauen bei all unseren Projekten, dass es diverse Wohnungsarten und -größen gibt, damit nicht zu viele kleine Wohnungen gebaut werden. "

Barbara Hammerl

Die Auswirkungen der Coronakrise sind im Hinblick auf die Grazer Projekte völlig unterschiedlich. Hat sich der Baufortschritt nicht geändert, so scheint sich der Zuzug in die Städte verlangsamt zu haben. „Eine Entwicklung, die auch schon vor Corona absehbar war, sich aber jetzt verstärkt hat. Und die Bedürfnisse sind anders geworden. 08/15-Wohnungen gehen schlechter, Wohnungen mit genug Grünraum sind gefragter und auch das Arbeiten zu Hause wird einen Einfluss auf das künftige Wohnen und nicht zuletzt die Wohnungsgröße haben“, glaubt Hammerl. „Auch wenn sich das Städtewachstum verlangsamen wird, so sehe ich doch auf längere Sicht keine Trendumkehr, es herrscht auch nach wie vor ungebrochenes Interesse an Wohnungen in den neuen Stadtteilen“, meint Inninger.

Hammerl sieht durch die Coronakrise auch ein anderes Problem: „Grundsätzlich ist vorgesehen, die Sockelzonen der Gebäude in den neuen Stadtvierteln, also das Erdgeschoß, an Geschäfte zu vermieten. Es wird aber jetzt schwieriger werden, diese vollzubekommen, was ich für immens wichtig halte, da Geschäfte in einer Stadt unerlässlich sind und erst für Lebendigkeit sorgen.“ Für Inninger stellt das kein Problem dar. „Dass der Handel grundsätzlich im Umbruch ist, war schon vor Corona abzusehen. Unsere Vorgaben für die Sockelzonen beschränken sich aber nicht auf den Handel. Hier können auch kleine Büros, Dienstleister, Studios und Ähnliches einziehen, es dürfen nur keine Wohnungen sein.“

Eine interessante, aber absehbare Entwicklung ist in Graz in Bezug auf die Gemeindewohnungen zu bemerken. „Nach dem ersten Lockdown haben wir uns einer sehr hohen Nachfrage gegenübergesehen. Ich gehe davon aus, dass sehr viele Menschen über die wirtschaftlichen Folgen verunsichert waren. Wir konnten aber alle Anträge positiv bearbeiten, alle Antragsteller haben eine Wohnung bekommen“, berichtet Bernhard Dohr, Pressesprecher des Grazer Bürgermeisterstellvertreters Mario Eustacchio. Graz verfügt über insgesamt rund 11.000 Gemeindewohnungen.

PROJEKTE

• Reininghaus: Knapp zwei Kilometer vom Grazer Stadtkern entfernt – zwischen Gries, Wetzelsdorf und Eggenberg – entstehen bis 2025 Wohn- und Gewerbeflächen, belebte Sockelzonen, ein Schulcampus und vieles mehr. Die 54 Hektar großen Reininghausgründe waren einst Brauort des Reininghaus-Biers, nach der Emigration der Besitzer wurde im Zweiten Weltkrieg Kriegsgerät produziert, später stand die Fläche leer. 100.000 Menschen sollen dort bis 2025 ein Zuhause finden, zurzeit sind es rund 1000, die 300 Wohnungen bezogen haben. www.reininghausgründe.at

• Smart City: Mit dem Umbau des Grazer Hauptbahnhofs und der Straßenbahnunterführung beim Eggenberger Gürtel wird der Bereich rund um den Bahnhof zur neuen Smart City. Sie umfasst eine Fläche von rund 127.000 m2. Wohnen, Arbeiten, Freizeit sowie die nötige Infrastruktur und die Erprobung neuer Technologien sind Programm, viele Forschungsprojekte sind hier angesiedelt – im Hinblick auf Nachhaltigkeit, Mobilität, innovative technische und architektonische Lösungsmöglichkeiten für die Stadt von morgen.

www.smartcitygraz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2021)