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Besitztümer unterbringen, wofür in der Wohnung kein Platz ist.
Selfstorage

Wohin mit dem ganzen Krempel?

Der Trend zum Auslagern von Möbeln, Akten oder Skiausrüstung hat der jungen Branche einen Boom beschert. Mit unterschiedlichen Konzepten will man weiter expandieren.

Aus Kostengründen werden Wohnungen immer kleiner, und zugleich steigt in der Wohlstandsgesellschaft die Zahl der Besitztümer. Für immer mehr Menschen stellt sich daher die Frage: Wohin mit dem ganzen Krempel? Einer relativ jungen Branche, die eine Lösung dafür bietet, brachte das einen Boom: Selfstorage. Laut dem aktuellen Bericht der Federation of European Self Storage Associations (Fedessa) gibt es in ganz Europa bereits knapp 5000 solcher Lagerorte mit einer Fläche von insgesamt 10,5 Millionen Quadratmetern. Private und Unternehmen können dort alles geschützt unterbringen, wofür in Wohnung oder Büro kein Platz ist.

Die Mietpreise blieben ebenso wie die durchschnittliche Auslastung der Lagerflächen von 79 Prozent auch in Pandemiezeiten stabil, hat man bei dem Verband herausgefunden. Das macht der Branche Mut für weitere Investitionen: 74 Prozent der Betreiber wollen weiter expandieren, allein für heuer sind 121 neue Standorte geplant. Hervorgestrichen wird im Fedessa-Bericht außerdem, dass Selfstorage für Investoren ein Anlagegut mit hohem Stellenwert sei und eine bessere Performance biete als Einzelhandel oder Büros.

Eigene Gebäude

Selfstorage-Pionier in Österreich ist MyPlace. Den ersten Standort eröffnete das Unternehmen vor 22 Jahren in Groß-Enzersdorf. Heute ist das Unternehmen mit 53 Filialen, 250.000 Quadratmetern Lagerfläche und 34 Prozent Marktanteil Platzhirsch im deutschsprachigen Raum. Für Firmengründer Martin Gerhardus lief das Geschäft im abgelaufenem Jahr gut, wenn auch „etwas langsamer“ als vor der Pandemie: „Durch die Situation bedingt sind weniger Bestandskunden ausgezogen, und es kamen weniger Neukunden dazu“, berichtet er. Die Zeichen stehen jedenfalls weiter auf Expansion: 14 neue Filialen in Deutschland und Österreich sind geplant, drei in Wien und eine in München werden bereits heuer eröffnet.

Gerhardus setzt fast ausschließlich auf eigens geplante und errichtete Gebäude: „Bei Umbauten muss man meist zu große Kompromisse machen“, sagt er. Die Objekte befinden sich im Besitz des Familienbetriebes und liegen bevorzugt in Frequenzlagen an einer Ausfall- oder Tangentialstraße in der Nähe von frequentierten Einrichtungen wie Burger-Filialen oder Tankstellen.

Auf ein ähnliches Konzept setzt Boxroom, ein Tochterunternehmen der Möbelhauskette Ludwig. Boxroom betreibt seit Oktober 2017 ein großes Selfstorage-Haus im 22. Bezirk mit über 1200 Lagerräumen. Es liegt ebenfalls verkehrsgünstig, nämlich unmittelbar neben dem Ludwig-Möbelhaus an der S2. Die dortigen Kunden sind eine wichtige Zielgruppe. Im Haus gibt es noch freie Lagerflächen, expandieren will Boxroom deshalb vorerst mit einem anderen Konzept: „Unser nächstes Projekt wird eine Containerlösung sein“, erzählt Spartenleiter Ludwig Ondrejka. Man sei bereits auf Grundstücksuche.

Lager kommt zum Kunden

Nicht der Kunde soll zu seinem Lager kommen, sondern das Lager zu ihm – das ist das Credo, mit dem Call-a-box im Vorjahr den Selfstorage-Markt bereicherte. Bei Call-a-box bestellt der Kunde digital Boxen, sie werden ins Haus gebracht, dort gefüllt und dann wieder abgeholt: „Wir haben das Selfstorage-Konzept dem Zeitgeist angepasst“, erläutert Markus Himmelbauer von Wenzel Logistics, die gemeinsam mit dem Medienhaus MediaPrint hinter dem Unternehmen steht. „Unsere Kunden sollen nicht schwer schleppen und durch die ganze Stadt fahren müssen.“ Das Konzept mit dem Bequemlichkeitsbonus ist durchaus wohlfeil: Für den 84-Liter-Karton werden bei dreimonatiger Bindung pro Woche 79 Cent inklusive Transport verrechnet. Zustellung und Abholung erfolgen in der Regel am nächsten Tag. Das Unternehmen nützt dafür große Lagerhäuser in Gewerbegebieten außerhalb von Wien und Graz. Das ermögliche die günstigen Preise, erklärt Himmelbauer.

Nahe beim Kunden auf eine andere Art ist Storebox. Angeboten werden Lagerboxen für Selfstorage in leer stehenden innerstädtischen Verkaufslokalen. Über 100 solcher Standorte gibt es bereits in Österreich, Deutschland, der Schweiz und Luxemburg. Größter Markt ist derzeit Wien mit 50 Standorten. „Alle Prozesse bis zum automatisierten Zugang sind bei uns digitalisiert“, erzählt Ferdinand Dietrich, CCO und Mitgründer des Unternehmens, an dem die Signa-Holding beteiligt ist. Dass Storebox leer stehende und damit günstige Flächen im urbanen Bereich clever verwerten will, zeigt das umfassende Konzept. Und mehr als andere Anbieter zielt man dabei auf gewerbliche Kunden: „Businesskunden können bei uns etwa Ersatzteillager für ihre Monteure unterhalten“, berichtet Dietrich. Auch Mikrohubs für E-Commerce-Anbieter oder Paketboxen könnten in den Storebox-Filialen untergebracht werden.

Mario Schwaiger, beim Consulter EHL für den Bereich Retailflächen verantwortlich, sieht in derartigen Geschäftsmodellen eine ideale Möglichkeit, Leerflächen zu bespielen: „Jeder Eigentümer ist froh, wenn er langfristig an einen solchen Betreiber vermieten kann“, meint er. Die Coronapandemie begünstige jedenfalls solche Konzepte: „In B- und C-Lagen stellen zunehmende Leerstände von Verkaufslokalen mehr denn je eine Herausforderung dar.“

AUF EINEN BLICK

Laut einer Studie des europäischen Selfstorage-Verbands Fedessa gibt es 4831 Einrichtungen in ganz Europa, die fast zehneinhalb Millionen Quadratmeter an Selbstlagerfläche zur Verfügung stellen. Die durchschnittliche Belegung lag 2020 mit 79 Prozent weitgehend auf dem Niveau des Vorjahres, die Durchschnittsmiete bei 250 Euro pro Quadratmeter und Jahr. Als Zukunftsfelder werden Nachhaltigkeit, Digitalisierung, innovatives Gebäudedesign und Asset-Performance gesehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2021)