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Zurück in die alte Normalität?

Marica Bodrožić' „Pantherzeit“ ist das herausragende Buch des ersten Corona-Jahres, voll Poesie und erhellenden Reflexionen.

Rilkes Gedicht „Der Panther“ zieht sich wie ein Leitmotiv durch Marica Bodrožić' neues Buch, das aus Elementen eines Corona-Tagebuches zu einem Essay wird, der die Pandemie als Demaskierung eines falschen Lebens begreift: auf individueller, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Ebene. Erlebnisse mit der eigenen Tochter oder mit Freunden fließen ebenso ein wie eine breite Lektüre aus Philosophie und Kunsttheorie bis hin zu Mystikern wie Meister Eckhart oder Juan de la Cruz. Das verkommt aber nie zur Belesenheitsdemonstration, sondern ist rückgekoppelt von eigenen Beobachtungen, Gedanken und Erfahrungen. Die schmerzende rechte Hand wird der Autorin dabei zu einem Erkenntnisinstrument, was in ihrem Leben fremdgesteuert und nur von einer Ratio der Effizienz bestimmt war.

„Zur gleichen Zeit sitzen wir alle auf die gleiche Weise in unserem eigenen Leben fest“, konstatiert Bodrožić, und das unerhört Neue des ersten Lockdowns ist in diesem Buch allenthalben spürbar. „Es wird nie einen Weg zurück in die alte Normalität und Behäbigkeit geben“, ist sie sich sicher. Später muss sie feststellen, dass die Autos Berlin zurückerobern, nachdem gerade erst das Licht, die Düfte und die Klänge der Natur in die Stadt eingezogen waren. Und auch Politik und Wirtschaft agieren nach alten Mustern. Bodrožić findet sich damit nicht ab und insistiert auf der Corona-Erfahrung als Chance, zu neuen Lebensformen zu kommen.

Viele Erfahrungen mit Corona wurden zu Papier gebracht. Marica Bodrožić' Buch überragt diese Texte nicht nur durch ihren Umfang, sondern vor allem durch ihre analytische Kraft und ihre Denksubstanz, die aber einer poetischen Sprache nie im Weg stehen. Es geht um die große Frage eines Lebens in der Wahrheit oder in der Lüge, aber auch um so konkrete Angelegenheiten wie den Mord an dem schwarzen Jogger Ahmaud Arbery und die Art, in welcher Sprache die Medien ihn darstellen; oder um die Fleischindustrie, die Menschen unsägliche Arbeitsbedingungen zumutet und jedem Tierleid gegenüber gleichgültig ist.

Marica Bodrožić geht ganz in sich, stellt sich verstörenden Situationen von Gewalt durch den eigenen Vater und sieht Momente ihrer Biografie in neuem Licht, doch ihre Aufmerksamkeit ist auf das Eigene und Nächstliegende ebenso gerichtet wie auf die ökonomischen, medialen und politischen Zusammenhänge des Weltgefüges. Sie hat eine Zeit-Mitschrift verfasst, die im besten Sinn des Wortes aktuell ist, aber sich nicht in Aktualitäten verliert. „Pantherzeit“ ist das herausragende Buch des ersten Corona-Jahres. Man muss es unbedingt lesen, will man verstehen, wie tiefgreifend der Einschnitt durch die Pandemie ist, und wenn man sich mit sich selbst konfrontieren möchte.

Das Buch ist voller poetischer Bilder und erhellender Reflexionen. Gegen Ende verdichten sie sich fast zu einer Formel für die Erfahrung des Corona-Jahres: „Die Welt im Lockdown durch Covid-19 hat uns gezeigt, wie verletzlich wir sind, und diese Achillesferse ist unser höchstes Gut – wir sind ausgesetzte und wir sind schmerzempfindliche Wesen, und so sind wir im Glück und im Unglück mit allen Lebewesen und mit der uns umgebenden Natur, die auch ein Lebewesen ist, verbunden.“

Immer wieder werden auch die individuellen und kulturellen Ressourcen des Christentums angesprochen – ohne jede ideologische Entführung auf etablierte Kirchen oder Religionsgemeinschaften. Das Osterfest 2020 ermöglicht eine neue Erfahrung: „Heute ist Ostern, und alle Kirchen sind leer. Wir sind einander der Segen und die Auferstehung, die wir uns vom Leben erhoffen.“ ■

Marica Bodrožić
Pantherzeit
Vom Innenmaß der Dinge.
262 S., geb., € 22 (Otto Müller Verlag, Salzburg)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2021)