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Buch der Woche

Kazuo Ishiguro: Ein Roboter sucht nach seinem Gott

Hat eine dystopische Parabel über unsere leistungshörige Gesellschaft geschrieben: Kazuo Ishiguro.
Hat eine dystopische Parabel über unsere leistungshörige Gesellschaft geschrieben: Kazuo Ishiguro.AFP via Getty Images
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Wenn Kinder künstliche Freunde brauchen: Der Nobelpreisträger Kazuo Ishiguro zeigt in seinem Roman „Klara und die Sonne“ auf verstörende und anrührende Weise, was in naher Zukunft Wirklichkeit werden könnte.

Klara und Rosa sitzen auf einem gestreiften Sofa in der Auslage und warten, bis jemand in den Laden kommt und sie aussucht. Die beiden beobachten die Passanten, den gegenüberliegenden Taxistand und freuen sich über Sonnenstrahlen, die durch das Schaufensterglas dringen und sie wärmen. Sie plaudern miteinander und stellen Mutmaßungen über die Personen an, die sie am Ende mitnehmen werden. Die Managerin hebt die besonderen Vorzüge jedes Modells hervor. Die Rede ist nicht vom Amsterdamer Rotviertel oder der Reeperbahn in Hamburg, sondern von einem teuren Geschäft für solarbetriebene Androiden in einer Stadt in den USA.

Stehen die Modelle zu lange ungekauft in der Auslage, werden sie in der Mitte des Verkaufsraums platziert, und von da wandern sie immer weiter nach hinten und auf die Seite, bis sie entweder doch verkauft oder von neueren Modellen ins Lager verdrängt werden. Als Sonderangebot sitzen sie zwischendurch wieder auf dem Sofa in der Auslage. Es handelt sich um KF, künstliche Freundinnen und Freunde – die Serie, der die beiden angehören, wurde konstruiert, um Kindern und Jugendlichen beim Übergang ins Erwachsenenalter beizustehen.

Klara, die Ich-Erzählerin, ist eine ganz besondere KF, extrem empathisch und lernfähig, jede Beobachtung wird von ihr eingespeist, eingeordnet und weiterverarbeitet, um ihre Rechnerleistung zu erweitern und die Menschen besser zu verstehen. Aufgabe einer KF ist es, dem Kind, das sie begleiten soll, eine angenehme Zeit zu verschaffen. „Ein Kind, das keine KF hat, ist sicher einsam“, sagt Klara einmal zur Managerin, und natürlich gibt es viele Kinder, die niemals eine oder einen KF bekommen werden. Hier ist die Spaltung der Gesellschaft schon angedeutet, die sich nicht nur darauf beschränkt, ob eine Familie genug Geld oder Status hat, doch dazu später.

 

Androidin mit Persönlichkeit

In seiner Nobelpreisvorlesung von 2017 hat sich Kazuo Ishiguro mit diesem Thema auseinandergesetzt, er warnte vor einer extremen Elitenbildung durch den rasanten technischen Fortschritt auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz. Mit seinem Roman „Klara und die Sonne“ hat er eine verstörende Parabel auf unsere leistungshörige Gesellschaft geschrieben. Es geht nicht mehr um die Möglichkeiten und Schwierigkeiten der technischen Umsetzung oder um moralische Fragen, das alles ist hier längst geklärt. Die künstliche Intelligenz ist auch nicht mehr auf die Roboter beschränkt, wie sich herausstellen wird. Die KF sind mit einer Art Bewusstsein ausgestattet, mit einem Ich, das sich zwar bedingungslos dem Menschen unterordnet, aber dennoch gewisse Eigenheiten ausbildet. Alle KF, die in besagtem Geschäft ausgestellt sind, scheinen eine eigene Persönlichkeit zu besitzen, die sie von den anderen unterscheidet. Sie tauschen sich auch untereinander aus, sie bilden soziale Gruppen.

Allerdings, so erfährt man von Klara, findet dieser Austausch offenbar nur vorher statt. Sind sie einmal einem Kind zugeordnet, schauen die KF nicht einmal mehr in die Auslage, in der ihre Kollegen zu besichtigen sind, als wäre ihr Anblick ihnen unangenehm oder peinlich: „Soweit wir wussten, unternahmen die KF, die draußen unterwegs waren, alles, um nicht an unserem Laden vorbeigehen zu müssen.“

Eine weitere Beobachtung von Klara: Sie wundert sich, dass auf den Straßen nicht viel mehr KF unterwegs sind, mit ihren Kindern, oder welche, die „eigenen Angelegenheiten nachgingen“. Welche Angelegenheiten sollten das sein, fragt man sich. Was könnte einen KF antreiben, allein umherzuschlendern, ohne sein Kind? Klara wird schließlich von Josie, einem 14-jährigen Mädchen, ausgewählt. Klara überzeugt die Mutter von ihren Vorzügen, sie kann Josies Gang nachahmen – Josie hat einen Gehfehler. Im weiteren Verlauf wird dessen Ursache klar: Sie wurde, wie viele Kinder, „gehoben“, sprich, an ihr wurde eine Genomeditierung vorgenommen, um ihre Intelligenz zu optimieren. Die Nebenwirkungen dieses Eingriffs sind in Josies Fall gravierend. Ihre Lebenserwartung ist verkürzt, immer wieder wird sie von Schmerzen geplagt. Bereits ihre ältere Schwester Sal ist an den Folgen eines solchen Eingriffs gestorben.

 

Dr. Frankenstein lässt grüßen

Was die Mutter bei Sal schon beabsichtigte und womit sie scheiterte, plant sie auch für Josie, Klara wurde nämlich noch zu einem anderen Zweck angeschafft: Sie soll Josie im Fall ihres Todes „fortsetzen“. Der etwas dubiose Dr. Capaldi arbeitet bereits im Auftrag der Mutter daran, Josies Körper exakt nachzubilden, und wartet nur noch darauf, diesen mit dem richtigen Inneren zu füllen – Dr. Frankenstein lässt grüßen . . .

Die Kaltblütigkeit, mit der die Mutter dieses Projekt vorantreibt, ist erstaunlich, noch erstaunlicher ist aber Klaras Plan, wie sie Josie genau davor retten will, obwohl es für Klara ein Aufstieg wäre – als Tochter des Hauses hätte sie alle Freiheiten und würde als solche unendlich geliebt, versichert ihr die Mutter. Da die Sonne Klaras Energieantrieb ist, folgert sie daraus, dass die Sonne Macht über Leben und Tod hat, nicht nur über Androiden, sondern auch über Menschen. Sie bittet die Sonne um einen Gefallen: Wenn sie eine bestimmte Baumaschine, die für die Verdunkelung des Himmels verantwortlich ist, zerstört, dann soll die Sonne im Gegenzug Josie ihre Lebensenergie zurückgeben.

Klara hat einen Gott gefunden, und sie ist bereit, sich zu opfern. Um die Maschine zu zerstören, braucht es eine Flüssigkeit aus ihrem Kopf, die Josies Vater entnimmt. Danach hat sie Wahrnehmungsstörungen, die Menschen erscheinen ihr zweidimensional, wie hohe Schornsteine oder Kegel. Ihre Motorik und Sprachfähigkeit bleiben intakt, sie agiert höflich und diplomatisch wie früher.

Überhaupt sind die Dialoge, die in „Klara und die Sonne“ geführt werden, bemerkenswert: Stets den Regeln der Konversation folgend, sagen die Erwachsenen sich die schlimmsten Dinge, bleiben dabei so gefasst, als ob sie über das Wetter plauderten. Vergebens wartet man auf ein „Donnerwetter“. Nur Melania, die Haushälterin aus Europa, lässt sich einmal hinreißen: „Hör, KF. Wenn du mache Josie schlimmer, ich verdammt komme und dich zerlege.“ Ein Schelm, wer da an eine ehemalige First Lady denkt.

Kazuo Ishiguros gar nicht immer subtiler, aber stets intelligenter Humor ist eine Wohltat. Mit Klara hat er eine Figur geschaffen, die in ihrer charmanten Naivität die Leser um den Finger wickelt. Es fehlt ihr einfach das Böse. Eigentlich, das muss man sagen, ist sie der bessere Mensch. ■

Kazuo Ishiguro
Klara und die Sonne
Roman. Aus dem Englischen von Barbara Schaden. 352 S., geb., € 24,70 (Blessing Verlag, München)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2021)