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Nachruf

Opern-Bass Nesterenko starb an Covid in Wien

Jewgenij Nesterenko (1938–2021). Der Bass aus Moskau debütierte 1975 in Wien.
Jewgenij Nesterenko (1938–2021). Der Bass aus Moskau debütierte 1975 in Wien.imago/SKATA
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Zar, Märchenfigur und Rossini-Buffo: Jewgenij Nesterenko, legendäre Stütze des Bolschoi-Ensembles in seiner Geburtsstadt, Moskau, starb in seiner Wahlheimat Wien an Covid-19.

Ein prominentes Todesopfer forderte die Pandemie in Wien: Am Wochenende starb der berühmte Bassist Jewgenij Nesterenko an den Folgen einer kurzen, schweren Corona-Erkrankung. Der Künstler war hierzulande besonders beliebt und konnte auf eine große Fangemeinde zählen: Vor allem seine Darstellung des Zaren in Modest Mussorgskys „Boris Godunow“ galt als packend und maßstabsetzend.
In der legendären Otto-Schenk-Inszenierung hatte Nesterenko Mitte der Siebzigerjahre als Boris Furore gemacht. Der damals unumschränkte Herrscher dieses Fachs, Nicolai Ghiaurov, der kurz vor dem Debüt Nesterenkos die Premiere der Produktion gesungen hatte, war mit dem Erscheinen des jüngeren Kollegen zwar nicht entthront worden, hatte aber einen ebenbürtigen Gegenspieler gefunden.

Hellhörigen Opernfreunden war Nesterenko bereits aufgefallen, als er sich 1975 – in einer weiteren Ghiaurov-Partie! – in Wien vorstellte: Den König Philipp in Verdis „Don Carlos“ sang Nesterenko mit der für ihn typischen Mischung aus machtvoller Stimmentfaltung und feiner psychologischer Detailarbeit. Den Philipp hat er in der Folge im Haus am Ring bis 1992 neun Mal gesungen. Als er Mitte der Siebzigerjahre auf der Bildfläche erschien, hatte der Sänger bereits beim Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb reüssiert und galt nach Anfängen im damaligen Leningrad bereits als eine der Stützen des Ensembles des Bolschoi-Theaters.
Wien feierte Nesterenko nach seinen Triumphen in den dunklen Herrscherrollen auch als Mephisto in Gounods „Faust“ oder Banquo in Verdis „Macbeth“.

Herrscherfigur und Komödiant

Aber der vielseitige Gestalter konnte auch als höchst komödiantisches Bühnentemperament reüssieren: Sein Basilio in Rossinis „Barbier von Sevilla“ geriet zum köstlichen Charakterporträt. Verabschiedet hat sich Nesterenko von seinen Wiener Verehrern als Ramphis in Verdis „Aida“. Das war 1994, ein Jahr nachdem der Künstler Wien zum Zentrum seiner Lehrtätigkeit gemacht hatte.

Unterrichtet hatte Jewgenij Nesterenko zuvor viele Jahre lang in seiner Heimatstadt, Moskau, wo er bald auch zum künstlerischen Berater des Führungsteams des Bolschoi-Theaters wurde.

Unauslöschlich in der Chronik der Wiener Staatsoper bleibt sein Wassermann in Antonín Dvořáks „Rusalka“. Diese Partie hat er an der Staatsoper am öftesten gesungen. Die Premiere im April 1987 an der Seite von Gabriela Beňačková und Peter Dvorský unter Václav Neumann war für alle, die sie erleben durften, eine der Sternstunden der jüngeren Wiener Operngeschichte. Ein CD-Mitschnitt bewahrt die Erinnerung daran.

Wien blieb für den Sänger, der im Lauf seiner Karriere an fast allen bedeutenden Häusern von Mailand bis London engagiert war, wichtig. Er lebte gern in der Stadt und hat ab 1993 am Konservatorium über viele Jahre hin eine Gesangsklasse betreut.

Nesterenkos Familie, derzeit in Quarantäne, hat aufgrund der Pandemie beschlossen, vorerst keine größere Trauerfeier für den Künstler zu veranstalten. Nesterenkos Asche wird auf Wunsch des Verstorbenen in Russland beerdigt.