Christine Marek: Das schwarze Missverständnis

(c) Michaela Bruckberger

Früher galt sie aufgrund ihres Jobs als "Liberale". Im Wahlkampf versucht sich ÖVP-Frontfrau Marek als fröhliche Fekter. Das könnte ins Auge gehen. Man hat den Eindruck, sie steht nicht für das, was sie spricht.

Christine Marek ist nicht zu beneiden. Sie ist Chefin der Wiener ÖVP. So einfach könnte man das Dilemma der ÖVP-Spitzenkandidatin beschreiben, die vergangenes Jahr von ihrem Bundesparteichef Josef Pröll erst überredet werden musste, den Job zu übernehmen. Ganz so einfach ist es aber nicht: Denn Christine Mareks Dilemma ist ihr persönliches und nur bedingt das der Wiener ÖVP. Und genau genommen das der Bundespartei.

Beobachtet man Marek dieser Tage, herrscht ein Eindruck vor: Die 42-Jährige steht nicht für das, was sie spricht. Als sie sich für das Himmelfahrtskommando Wiener Landespartei breitschlagen ließ, bekam sie die Unterstützung der Bundespartei versprochen. Das war leichter zu garantieren als die volle Unterstützung der Landespartei, wie man weiß. Die ersten Stimmen, die über die Frontfrau jammern, sind schon zu hören.

Die Profis aus der Bundesparteizentrale gingen die Sache streng nach schwarzem Lehrbuch an: Da laut Umfragen für die potenziellen Wiener ÖVP-Wähler Sicherheit, Ausländer und Wirtschaft wichtig sind und sich Marek zwei linken und nur einer rechten Partei gegenübersah, entschloss man sich, einen Law-and-order-Kurs einzuschlagen. Dummerweise galt Marek bis dahin als „Liberale“. Diese diffuse Zuteilung bekommt ein Politiker in der Volkspartei, wenn er sich wie Marek für homosexuelle Partnerschaften und/oder – was sie so nicht macht – für die Gesamtschule ausspricht. Ein bisschen Distanz zu Wolfgang Schüssel und Co. schadet auch nie. Dass Marek, deren politische Heimat der Arbeiter- und Angestelltenbund ist, sonst mit (wirtschafts-)liberalen Ideen wenig bis nichts zu tun hat, tat nichts zur Sache, ein Image wurde transportiert.

Doch in Wien ging es nun im Gefolge der Wahlkampfstrategie in die ganz andere Richtung: Sie trat für ein Burka-Verbot ein und ließ beim Thema Integration/Bildung „Deutsch reden“ plakatieren. Zuletzt forderte sie bei der längst ausverhandelten Mindestsicherung plötzlich einen Arbeitsdienst für Langzeitarbeitslose. Sie schaffte, woran bisher nur Heinz-Christian Strache arbeitete: Wiens Erzbischof Christoph Schönborn und Caritas-Direktor Michael Landau stellten sich Seite an Seite gegen sie – von den üblichen Sozialabbauwarnern in der SPÖ und bei den Grünen ganz zu schweigen. Warum macht sie das nur?

Ganz einfach: Weil es vor dem Wahlkampf auf dem Papier wie die beste Strategie wirkte. Das erste Problem hätte man in der Partei kommen sehen müssen: Dass Christine Marek, die bisher in ihrem Familienstaatssekretariat vor allem mit positiven Themen wie Karenzgeld und Familienbeihilfe aufzeigen konnte, nicht sehr authentisch wirkt, wenn sie die zweite Maria Fekter gibt. Zumal die im Gegensatz zu Marek nicht ständig gut gelaunt durch Wiens Straßen zieht. Denn Mareks Fröhlichkeit ist nicht einmal durch die Mischung aus politischer Herablassung und Macho-Arroganz von Häupl zu dämpfen. Auch nicht die Häme, die Journalisten und manche Parteifreunde über sie schütteten, als sie Häupl mit verwehter Frisur auf ihren ÖVP-Wahlplakaten abbilden ließ.


Grüne falsch eingeschätzt. Die zweite Fehleinschätzung der ÖVP-Strategen betraf die Grünen: Nicht einmal die größten Optimisten in der Volkspartei hätten gehofft, dass sich zwei der wichtigsten grünen Bezirksgruppen – Wien sechs und acht – in ehemaligen ÖVP-Hochburgen selbst ausschalten, der Bundesrat der kleinen Partei mit fliegenden Fahnen zur SPÖ überläuft. (In Wien Mariahilf hätte die ÖVP sonst vielleicht auch einen bekannten Spitzenkandidaten statt Gerhard Hammerer gefunden.) Hätte sich Marek als verlässliche Alternative zur schon leicht genervt wirkenden Maria Vassilakou positionieren können, bei Wählern, denen es mehr um gute Stimmung denn um markige Botschaften geht, wäre einiges möglich gewesen. Als alleinerziehende Mutter hätte man ihr bei Themen wie Kindergärten und Schule auch mehr zugetraut als einem Wiener Stadtrat.

Doch nun muss Marek da durch. Dass sie rechts die gleiche Linie fährt wie Vassilakou links müsste der Wiener SPÖ gefallen: Beide Parteien werben darum, den Juniorpartner in einer Koalition mit der Wiener SPÖ geben zu dürfen, während laut Umfragen die absolute Mandatsmehrheit der SPÖ hält.

Dieser Anspruch auf eine Regierungsbeteiligung hat in der kleinen Landespartei auch deswegen für Aufsehen gesorgt, weil die Ära Bernhard Görg der Partei in den Knochen steckt: Der war als Landesparteichef in die Stadtregierung gegangen und hatte dort – neben dem inhaltlich anerkannten Peter Marboe im Kulturressort – als Planungsstadtrat wenig bis nichts für die Partei erreicht. Die ÖVP hatte sogar für das mehrheitsfreundliche Wahlrecht gestimmt, das der Wiener SPÖ die absolute Mandatsmehrheit zurückholte und Görg und die Wiener ÖVP aus der Regierung warf. Deswegen meinte Marek auch, dass sie sich nicht mit einem „Pipifax-Ressort“ wie Kultur abspeisen lasse. Andreas Mailath-Pokorny jaulte begeistert auf, endlich hatte er ein Thema im Wahlkampf und seinen Job vermutlich gerettet.

Marek hat sich dafür indirekt entschuldigt, von einem Missverständnis gesprochen. Nicht das erste in ihrem Wahlkampf.