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Der ökonomische Blick

Kohlenstoff­ungleichheiten in Zeiten der Pandemie

Flugzeug
Fliegen war im vergangenen Jahr nicht immer einfach: Die Mobilitätsbeschränkungen führten zu einem Rückgang der CO2-Emmissionen.REUTERS
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Die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie und die Mobilitätsbeschränkungen haben die Trends der globalen CO2-Emissionen geändert. Die Ungleichheit nimmt aber weiter zu.

Die globalen, sozialen und ökonomischen Ungleichheiten sind in den letzten Jahren sehr stark gestiegen. Ende 2019 wurden 513.244 Privatpersonen gezählt, deren Vermögen bei mehr als 30 Millionen Dollar liegt. Zahlen von 2017 zeigen, dass diese Personen zwar nur 0,003 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, sie besitzen jedoch 13 Prozent des gesamten Weltvermögens. Viele der neuen Reichsten kommen aus Asien, Europa bleibt aber der zweitgrößte Vermögensstandort nach den USA. Der Lebensstil der Reichen, der mit mehreren großen Häusern, Flügen mit Privatjets, Urlauben auf Yachten und auffälligem Konsum verbunden ist, ist jedoch äußerst kohlenstoffintensiv. Schätzungen zeigen, dass einige Milliardäre einen CO2-Fußabdruck haben, der mehr als tausendmal so hoch ist wie der Weltdurchschnitt.

Jede Woche gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

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Laut einem Oxfam Bericht war das reichste ein Prozent der Weltbevölkerung in dem Zeitraum von 1990 bis 2015 für mehr als doppelt so viel Ausstoß von Kohlenstoffdioxid verantwortlich wie die drei Milliarden Menschen, die zur ärmeren Hälfte der Welt zählen (Abbildung unten). Demnach sind die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung für mehr als die Hälfte der Emissionen in diesem Zeitraum verantwortlich).

Dieses Phänomen lässt sich auch in der EU beobachten. Seit 1990 stiegen die CO2 Emissionen der reichsten zehn Prozent in Europa systematisch. Im Gegensatz dazu sind alle Verringerungen an Emissionen in den europäischen Ländern den Einwohnern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen zuzuschreiben. Seit 1990 senkte die ärmste Hälfte der Europäer ihre Emissionen um fast ein Viertel (24 Prozent), die Bürger mit mittlerem Einkommen um 13 Prozent. Im Gegensatz dazu erhöhten die reichsten 10 Prozent der Europäer ihre Emissionen um drei Prozent, und die reichsten ein Prozent erhöhten ihre Emissionen um fünf Prozent. Um das Klimaziel - unter 1,5 Grad globale Erwärmung - zu erreichen, müssten die reichsten ein Prozent in Europa bis 2030 ihre CO2-Emissionen um das 30fache senken, die reichsten zehn Prozent der Europäer müssten ihre Emissionen um das zehnfache senken, während die Emissionen der Ärmsten nur halbiert werden müssten.

Die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie und die Mobilitätsbeschränkungen haben die Trends der globalen CO2-Emissionen geändert. In der ersten Hälfte des Jahres 2020 sind die globalen CO2-Emissionen um 8,8 Prozent im Vergleich mit dem gleichen Zeitraum 2019 gesunken.

Allerdings hat die Corona-Pandemie auch die globalen Armut-Trends sehr stark verändert. Es ist davon auszugehen, dass die weltweiten Restriktionen ca. 144 Millionen Menschen in die Armut getrieben haben. Zum ersten Mal seit 20 Jahren steigt die Zahl der Menschen in extremer Armut, das heißt jene, die mit weniger als 1,90 USD pro Tag überleben müssen, wieder an. Es trifft vor allem Menschen, die gegen soziale und wirtschaftliche Ausgrenzung kämpfen müssen. Zu den Menschen mit erhöhtem Armutsrisiko, gehören die, die mehreren Formen sozialer und wirtschaftlicher Ausgrenzung ausgesetzt sind, dazu gehören zum Beispiel Frauen und Mädchen, Menschen mit Behinderung und Migranten, sowie Ältere und Jugendlichen, und all jene, die ethnischer, rassistischer oder religiöser Diskriminierung ausgesetzt sind. Die strukturellen Nachteile, mit denen sie bereits konfrontiert waren, haben sich im Verlauf der Krise wahrscheinlich verschärft.

25 reichste Personen wurden noch reicher

Die Coronapandemie verschonte aber die Reichsten der Welt auch nicht. Die oben erwähnten Millionäre mussten im März 2020 einen Verlust von insgesamt 700 Milliarden US-Dollar verzeichnen. Im Gegensatz zu den negativen Auswirkungen des Klimawandels, die sich zu einem gewissen Grad oder Zeitpunkt durch Wohlhabenheit abschirmen lassen, haben die Auswirkungen der Corona-Pandemie die Reichesten durch Mobilitätsbeschränkungen, geringere Profite von Unternehmen, und auch direkte Gesundheitsfolgen etwas schneller und direkter betroffen. Dennoch konnten die 25 reichsten Personen der Welt in der Pandemie ihr Vermögen um 255 Milliarden USD vermehren.

Die Corona-Pandemie hat uns gezeigt wie stark unsere globale Wirtschaft, aber auch verschiedene Bevölkerungsgruppen miteinander verbunden sind.

Drei Länder - die USA, Brasilien und Mexiko - sind für fast die Hälfte (46 Prozent) der weltweit gemeldeten Covid-19-Todesfälle verantwortlich, enthalten jedoch nur 8,6 Prozent der Weltbevölkerung. Diese drei Länder weisen auch eine sehr hohe Einkommens- und Vermögensungleichheit auf. Eine ähnliche Situation konnte auch in Europa beobachten werden. Rund 60 Prozent der Todesfälle in Europa sind auf nur drei Länder konzentriert - Italien, Spanien und das Vereinigte Königreich. In den meisten Teilen Nord- und Mitteleuropas gab es viel weniger Todesfälle und niedrigere Sterblichkeitsraten. Die Länder mit der höchsten Sterblichkeitsrate gehören in Europa zu jenen mit den höchsten Einkommens- und Vermögensungleichheiten. Gleichzeitig gehören die Nord- und Mitteleuropäischen Länder zu jenen mit den niedrigsten Ungleichheiten.

Es ist notwendig die Daten systematisch zu analysieren und auszuwerten, diese Fälle zeigen aber, dass ökonomische Ungleichheiten möglicherweise einen starken Einfluss auf die Kapazität haben, mit der unsere Gesellschaften mit Schocks und Krisen umgehen können.

Schlechte Lebens- und Arbeitsbedingungen erhöhen das Infektionsrisiko. Dazu ein Beispiel, das wir von einer Kollegin aus Großbritannien gehört haben: Obdachlose, die keinen Zugang zu Händewasch-Möglichkeiten haben, können mehr Krankheiten verbreiten. Ebenfalls von Bedeutung ist das Gesundheitssystem: Höhere Zahlen von Betten und Personal in Krankenhäusern als im Durchschnitt benötigt werden, können die Effekte von Krisen und Katastrophen sehr stark vermindern.

Das Thema muss noch genauer erforscht werden, es scheint aber, dass Ungleichheiten sehr stark mit Systemresilienz interagieren. In der Praxis bedeutet das, dass es durchaus im Interesse der Wohlhabenden wäre, ökonomische Ungleichheiten zu mildern und ein System zu gestalten, das sich um die Schwächsten der Gesellschaft kümmert.

In den letzten 30 Jahren stieg der Verbrauch der Wohlhabenden an den Emissionen stetig an, anstatt den ärmeren Menschen einen Aufstieg zu ermöglichen. Es ist notwendig, das verbleibende Kohlenstoffbudget verantwortungsbewusster aufzuteilen.

Abbildung: Durchschnittliche CO2 Emissionen per Person in verschiedenen Einkommensgruppen. Quelle: UN Emissions Gap Report 2020

Die Autorinnen

Ilona M. Otto ist Professorin für Gesellschaftliche Klimafolgen am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel der Universität Graz. Ihre Schwerpunkte sind soziale Komplexität und Systemtransformation.

Franziska Stölzel ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel der Universität Graz. Sie arbeitet im REBOOST Projekt: A Boost for Rural Lignite Regions, gefördert von EIT Climate KIC.

 

Ilona M. Otto und Franziska Stölzel
Ilona M. Otto und Franziska Stölzel

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