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Segev: Der Wiesenthal-Kreisky-Biograf

(c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)
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Der Historiker Tom Segev traf Bruno Kreisky, der ihn davon überzeugen wollte, dass es kein jüdisches Volk gebe. In der Wohnung von Wiesenthal verbrachte er Tage. Mit der "Presse am Sonntag" ging er spazieren.

Tom Segev hat Wien oft besucht, einst als Journalist für die israelische Zeitung „Haaretz“, in den vergangenen Jahren als Autor und Historiker, um seine neuen Bücher vorzustellen. Sein jüngstes – die Biografie Simon Wiesenthals – sorgte in Österreich wegen der Enthüllungen über Bruno Kreisky für Aufsehen und schließt auch den Bogen von Segevs Wien-Besuchen.

Als Segev 1975 nach Wien kam, war Wiesenthal der Grund gewesen. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung zwischen Bundeskanzler Kreisky und Wiesenthal kam Segev zur Recherche nach Österreich. Nachdem Kreisky vor israelischen Journalisten die legendären und falschen Behauptungen aufgestellt hatte, Wiesenthal habe eine Gestapo-Vergangenheit, bat er sie noch in sein Büro. Dort hatte er bereits mehrere Bücher – aufgeschlagen – vorbereitet, erzählt Segev bei einem Spaziergang durch den ersten Bezirk heute: „Zwei Stunden lang versuchte er uns zu erklären, warum es kein jüdische Volk gebe. Zwischen den einzelnen Büchern steckten Reste verzehrter Mozartkugeln.“ In diesen zwei Stunden sei mehrmals ein Sekretär gekommen, um Kreisky an seine Termine zu erinnern. Immer wieder habe ihn Kreisky weggeschickt, so wichtig waren ihm die langwierigen Erklärungen, dass der Zionismus ein Fehler sei. Irgendwann habe er dann, so erinnert sich Segev, Kreisky gefragt: Ob es denn ein österreichisches Volk gebe? Und seit wann? „Dann hat Kreisky gebrüllt und von seinem Großvater erzählt, der schon in den Kronländern aufgewachsen sei.“

Segev interviewte natürlich auch Wiesenthal, nicht nur während des einen Besuchs. Die Idee für eine Biografie hatte er schon immer. Als er vom Ableben des Nazijägers erfuhr, begann er mit seinen Recherchen und arbeitete sich durch unzählige Akten. Er erhielt Zugang zu Wiesenthals Privatarchiv in dessen alter Wohnung und fand dort unglaubliche Dokumente: „Die Tausenden Drohbriefe markierte er mit ,m‘ wie meschugge. Bei einem anderen stand als Empfänger nur: An die Judensau, Wien.“ Wiesenthal habe laut Segev den Postminister angerufen und ihn gefragt, wie man ihn unter dieser vagen Beschreibung finden habe können.

Segev kann Dutzende solcher Geschichten erzählen, wenn er spazieren geht. Im Wiener Heiligenkreuzerhof nahe seinem Lieblingshotel Hollman Beletage erzählt er etwa die: „Als ich am ersten Tag allein in der leeren Wohnung Wiesenthals stand, ging ich zu einem Regal und nahm willkürlich einen Brief heraus, es war eine Ehrerbietung und Gratulation von Elisabeth Taylor. Da dachte ich mir, von einem bis zum Skelett abgemagerten Holocaust-Überlebenden bis zu einem Star, dem Hollywood schreibt, das ist doch ein unglaubliches Leben.“

Identitätsprobleme. Segev, der wie große britische und amerikanische Historiker spielend, unterhaltsam und dank seines deutschstämmigen Vaters auch auf Deutsch ein paar Hundert Zuhörer fesseln kann, beschäftigte sich durch die Wiesenthal-Recherchen auch intensiv mit Kreisky.

Allerdings hält er fest: „Kreisky ist in Wiesenthals Biografie ein Kapitel, Wiesenthal müsste bei Kreisky wesentlich mehr sein.“ Der unversöhnlich geführte Streit zeige das große Identitätsproblem des Juden Kreisky. Segev: „Da war einer, er sprach wie ein Jude, der sah aus wie Jude und dachte wie ein Jude, Wiesenthal erinnerte Kreisky ständig daran, dass er Jude war.“ Wie pathologisch die Abneigung Kreiskys war, zeigte nicht nur die Bespitzelung Wiesenthals durch Österreichs Behörden, sondern auch eine Meldung des israelischen Botschafters in Wien. „Einmal rief ihn Kreisky mitten in der Nacht an, beschimpfte ihn und behauptete, Wiesenthal habe seinen Bruder entführt. Er verwendete dabei derartige Schimpfwörter, dass der Botschafter auflegte.“ Laut Segev ließ der Mossad ein psychologisches Gutachten über Kreisky anfertigen, in dem offiziell festgehalten wurde, dass er schwere psychische Probleme habe.

Segev ist den Wirbel um seine Bücher gewohnt. Sein Buch „Die siebte Million“ hatte in Israel mit der These, dass die Juden in Palästina zur NS-Zeit sich damit befassten, ihren eigenen Staat zu schaffen und nicht die europäischen Juden zu retten, für heftige Reaktionen gesorgt. In „1967“ befasst er sich kritisch mit einem anderen Israel-Mythos, dem Sechstagekrieg: Für Israel hätte nach rein militärischen Gesichtspunkten keine existenzielle Bedrohung bestanden.

Wird ihn sein nächstes Buch wieder nach Wien bringen? Segev lächelt. Zur Präsentation sicher.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2010)