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Interview

Seat-Chef Griffiths: "Ich glaube, dass es auch in Zukunft noch Menschen geben wird, die Autos lieben"

Seat-Chef Wayne Griffiths
Seat-Chef Wayne Griffiths(c) REUTERS (ALBERT GEA)
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Seat-Chef Wayne Griffiths über den Leon als Konkurrent des VW Golf, über die Zukunft des Verbrennungsmotors, den Drang zum Elektrofahrzeug und die emotionale Bindung zum Auto.

Die Presse: Seat hat im vergangenen Jahr bei den Verkäufen fast 26 Prozent eingebüßt – mehr als jede andere Marke des VW-Konzerns. Was ist da passiert?

Wayne Griffiths:
Wir verkaufen 90 Prozent unserer Fahrzeuge in Europa, unser Einbruch entspricht dem Rückgang des Gesamtmarktes in der Coronapandemie. Seat ist vor allem von Spanien sehr abhängig, das ist nach Deutschland unser zweitgrößter Markt. Und Spanien war von Covid-19 am härtesten getroffen, das hat sich durchgeschlagen.


In Österreich konnten Sie dagegen Marktanteile dazugewinnen.

Ja, wir haben deutlich zugelegt und bei den Neuzulassungen Platz drei erreicht. Ich bin sehr zufrieden mit der Leistung in Österreich.


Seat hatte in den vergangenen Jahren stets zweistellige Prozentzuwachsraten. Sind diese Zeiten vorbei?

Nein, das wurde durch die Pandemie nur unterbrochen. Die Nachfrage nach Seat und Cupra ist sehr stark, wir haben attraktive Modelle. Etwa den neuen Leon, in den wir eine Milliarde Euro investiert haben. In Spanien ist er das meistverkaufte Auto. Ich bin zuversichtlich, dass wir nach der Pandemie schnell wieder an die früheren Verkaufszahlen anknüpfen.


Apropos Leon: Er ist so gut geworden, dass es eigentlich keinen Grund mehr gibt, einen VW Golf zu kaufen. Ist das passiert oder war es Absicht, einen direkten Konkurrenten zum Golf zu bauen?

Wir zielen auf eine andere Käufergruppe. Seat steht für Design, das Emotionale, wir sind die coole Marke für Jüngere und Junggebliebene. Das unterscheidet uns deutlich von anderen Marken des Konzerns. Seat ist die Eintrittskarte in den VW-Konzern, etwa 60 Prozent unserer Kunden kommen von anderen Marken oder sind Erstkäufer. Es sind die Söhne und Töchter, die Seat fahren . . .


. . . und die Eltern fahren Golf?

(lacht) Ja, außerdem wollen die Kinder ja oft andere Autos fahren als die Eltern. Seat ist die Alternative, würde es uns nicht geben, würden sie vielleicht zu einer anderen Marke gehen außerhalb des Konzerns.

Der neue Seat Leon
Der neue Seat Leon(c) Die Presse/Clemens Fabry (Clemens Fabry)

Einer der Gründe, warum Bernhard Maier als Skoda-Chef abgelöst wurde, war angeblich, dass Skoda zu gute Autos gebaut hat, die eine direkte Konkurrenz zu VW waren. Wenn ich mir den neuen Seat Leon anschaue – fühlen Sie sich sicher in Ihrem Job?

Ich bin 55 Jahre alt, ich bin seit 30 Jahren im VW-Konzern tätig, ich fürchte mich nicht. Ich fühle mich sehr wohl in meinem Job und liebe ihn. Ich habe auch die einmalige Chance, eine Marke zu etablieren.

 

Sie haben diese Chance ja schon einmal genutzt, Sie haben die Marke Cupra als sportliche Submarke von Seat kreiert. Waren Sie überrascht, dass Cupra derart erfolgreich ist?

Es hat mich tatsächlich überrascht, wie schnell wir auf ein Volumen von 70.000 Fahrzeugen gekommen sind. Es ist schön, dass die Positionierung von Cupra so positiv angenommen wurde. Wir sind eine Alternative zu den klassischen Premiummarken mit einem ansprechenden Design, guter Performance – das beste Beispiel ist der neue Cupra Formentor, der sehr gut ankommt.

 

Auch hier wieder die Frage: Cupra muss zwischen die Konzernmarken passen. Macht man sich nicht selbst Konkurrenz, nimmt man nicht Audi Käufer weg, vielleicht teilweise sogar Porsche?

Nein, Cupra bringt ganz neue Käufer in den Konzern, das sind nicht die klassischen Marken- und Premiumkäufer. Wir können mit Cupra auch ganz anders agieren, weil wir klein sind und somit schnell und flexibel. Die ersten Elektroautos von uns kommen als Cupra auf den Markt, beispielsweise Ende des Jahres der Born, ein Elektro-Kompaktwagen.

 

Gibt es für Autos wie den Cupra mit Verbrennungsmotor und vielen PS wegen der EU-Abgasvorschriften ein Ablaufdatum?

Wir bieten den Formentor zwischen 150 und 310 PS an, bald als Fünfzylinder mit 390 PS, aber auch als ein Plug-in-Hybridmodell. Mit dem Cupra Born haben wir ein spannendes Elektroauto mit einem schönen Design und einer sportlichen Auslegung im Angebot. 2024 kommt der Cupra Tavascan auf den Markt (ein E-Auto, das als Konzeptfahrzeug für viel Enthusiasmus gesorgt hat, Anm.). Und Mitte des Jahrzehnts demokratisieren wir die Elektromobilität mit einem speziellen, kleinen E-Auto mit großer Reichweite um 20.000 bis 25.000 Euro.

Der Cupra Formentor
Der Cupra Formentor(c) Die Presse/Clemens Fabry (Clemens Fabry)

Ist die Elektromobilität für Seat so wichtig, wie sie für die Marke VW ist?

Wenn man die Zielsetzung des europäischen Green Deal ernst nimmt (CO2-Emissionen bis 2030 um 40 Prozent reduzieren, Klimaneutralität bis 2050, Anm.), dann braucht man einen Marktanteil von elektrischen Fahrzeugen von 60 Prozent in Europa. Nur so erreicht man die CO2-Ziele. Auch die Kunden fragen die E-Autos stärker nach, das Interesse ist größer geworden.

 

Gibt es bei Seat ein Datum, ab dem man keine neuen Autos mit Verbrennungsmotor mehr herstellen will?

Wir werden auf jeden Fall noch lang Autos mit Verbrennungsmotor genauso anbieten wie E-Autos und Plug-in-Hybridmodelle. Ab 2030 werden E-Autos die Mehrheit ausmachen, aber ich weiß nicht, ob eine völlige Transformation in neun Jahren möglich ist. Man kann nicht gegen die Kunden arbeiten, die Kunden bestimmen, was sie kaufen. Daher werden die Hersteller noch für einige Zeit alle Antriebsarten anbieten müssen.

 

Geht die Liebe zum Auto verloren, geht es nur noch darum, von A nach B zu kommen?

Gerade mit Cupra wollen wir Autos für Autoliebhaber machen. Für uns ist wichtig, dass auch das Elektroauto ein emotionales Produkt ist, nicht nur ein rationales. Wir glauben, dass es auch in Zukunft noch Autoliebhaber geben wird – und die wollen wir ansprechen.

 

Werden Menschen überhaupt noch Autos kaufen, muss man den Jungen als Autohersteller nicht ganz andere Angebote machen?

Wir bieten in Barcelona mit dem Seat Mo eScooter 125 ein Sharingmodell an, und wir setzen auf Abo-Dienste, weil die Jungen wie bei Netflix nicht mehr unbedingt etwas besitzen wollen, sondern es primär nutzen wollen. Sie wollen Mobilität und müssen dafür nicht unbedingt ein Auto kaufen.

 

Also ein Auto-Abo, bei dem man sich weder um Wartung noch Service oder Versicherung kümmern muss?

Da, wo es keine emotionale Bindung zum Auto gibt, ja. Wenn es einfach nur darum geht, schnell und billig von A nach B zu kommen – dafür wird es solche Lösungen geben, die wir vielleicht auch mit Seat abdecken können. Das emotionale Produkt – ein schönes, sportliches Auto – decken wir mit Cupra ab. Ich glaube, dass es auch in Zukunft noch Menschen geben wird, die Autos lieben. Und für die wollen wir Autos anbieten.


[RBJ7L]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2021)