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Nachruf

Ein großer Liebender des Kinos: Bertrand Tavernier ist tot

Bertrand Tavernier bei den 63. Filmfestspielen in Cannes im Jahr 2010.
Bertrand Tavernier bei den 63. Filmfestspielen in Cannes im Jahr 2010.APA/AFP/MARTIN BUREAU
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Von „Wenn das Fest beginnt“ bis zu „Ein Sonntag auf dem Lande“: Bertrand Tavernier war unter Frankreichs großen Filmregisseuren einer der vielseitigsten und beim Publikum beliebtesten. Er umarmte alle Genres der Kinotradition. Nun starb er mit 79.

Er konnte Familienszenen malen, die an Tschechow erinnerten oder an melancholische impressionistische Gemälde. Er konnte gewaltige historische Fantasien entwerfen über in der Erinnerung vernachlässigte Epochen der französischen Geschichte. Er konnte atmosphärisch wie psychologisch packende Krimis drehen. Immer schöpfte Bertrand Tavernier aus dem Vollen der französischen Kinotradition, seiner grandiosen Kulturkenntnis und filmischen Handwerkskunst, umarmte dabei alle Genres. Er war kein Avantgardist, auch kein Konservativer. Er machte unzählige, darunter viele große, berührende Filme, und das Publikum dankte es ihm. Nun ist er mit 79 verstorben.

„Ein Sonntag auf dem Lande“, „Das Leben und nichts anderes“, „Wenn das Fest beginnt“, „Der Richter und der Mörder“ . . . Mit solchen und anderen Filmen hat sich Tavernier in die französische Filmgeschichte eingeschrieben. Elf Jahre jünger als Jean-Luc Godard (als dessen Presseattaché er eine Zeitlang arbeitete) brach er anders als die Filmemacher der „Nouvelle Vague“ nicht mit früheren Generationen. Er war ein großer Liebender des französischen Kinos in all seinen Formen; und mit unzähligen, zeitweise im Jahrestakt produzierten Filmen wanderte er selbst quer durch fast alle Genres.

Schwierige Vater-Sohn-Beziehung

Einst ging der 1941 geborene Sohn des Schriftstellers René Tavernier in Paris mit Volker Schlöndorff ins Gymnasium. Später war er Regieassistent bei Jean-Pierre Melville. Sein erster großer Film war 1974 „L'Horloger de Saint-Paul“ („Der Uhrmacher von St. Paul“) nach einem Roman von Georges Simenon. Dessen Schauplatz verlegte er aus den USA in seine Heimatstadt Lyon. Schon hier klingt ein in seiner Biografie begründetes filmisches Leitmotiv an: die schwierige Vater-Sohn-Beziehung. Sie zieht sich durch sein Werk, etwa in Filmen wie „Daddy Nostalgie“ mit Jane Birkin oder „Die Prinzessin von Montpensier“. Philippe Noiret, der in „Der Uhrmacher von St. Paul“ die Hauptrolle spielte, blieb auch Taverniers wichtigstes schauspielerisches Alter Ego. Er spielte die Hauptrolle im Krimi „Der Richter und sein Mörder“ ebenso wie in „Das Fest beginnt“, einem Historienfilm über eine Verschwörung des bretonischen Adels im 18. Jahrhundert

Krimis, Psychothriller, bildgewaltige Historienfilme, Liebesdramen, sogar Science Fiction und einmal einen Western hat Tavernier gedreht. Nicht zu vergessen „Der Saustall“, eine scharfe Satire auf französischen Kolonialismus und Rassismus. Die besten Schauspieler des französischen Kinos spielten für ihn, etwa Michel Piccoli - oder auch Romy Schneider: Mit ihr drehte er „Death Watch – Der gekaufte Tod“, eine Kritik am durch das Fernsehen geförderten Voyeurismus seiner Zeit.

Er schrieb auch grandios über das Kino

Er sei in der Malerei immer konservativ geblieben, gesteht der alte Kunstmaler Ladmiral in „Ein Sonntag auf dem Lande“ (1984) – obwohl er die modernen Maler so bewundere. Für einen Neuanfang sei er zu feige gewesen. Brachen sich hier auch Taverniers Selbstzweifel Bahn? Publikum und Filmkritiker jedenfalls kümmerten sich nicht darum. In Cannes erhielt er den Regiepreis, in Berlin den Goldenen Bären, dazu fünf Césars und den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk.
Und, gar nicht nur nebenbei, schrieb er auch einige der besten Texte über das amerikanische und französische Kino.