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Interview

Ex-Kanzlerin Bierlein: Weibliche Vorbilder sind wichtig

Brigitte Bierlein
Brigitte Bierlein(c) Clemens Fabry
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„Meine Sorge ist, dass wir, wenn die Pandemie noch länger dauert, zu früheren Rollenbildern zurückkehren“, sagt die frühere Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein.

Die Presse: Im Jahr 2019 wurden Eleganz und Schönheit der Bundesverfassung betont. Darin und in weiteren Bestimmungen ist die Gleichstellung von Frauen und Männern vorgesehen. In der Praxis bleibt sie unerreicht. Wo bleiben Eleganz und Schönheit?

Brigitte Bierlein: Wir haben eine klare, schnörkellose Bundesverfassung. Und es hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten gesellschaftspolitisch für die Gleichstellung von Frauen und für Diversität im Allgemeinen viel getan. Die Judikatur des Verfassungsgerichtshofes setzt der Politik Grenzen. Es gibt aber in bestimmten Bereichen nach wie vor Handlungsbedarf: So sehen wir, dass es bis heute für gleiche Arbeit ungleichen Lohn gibt – fast immer zum Nachteil der Frauen. Das muss man politisch angehen, und auch Unternehmen tragen wichtige Verantwortung.

Es gibt also genügend Vorschriften, aber der Weg zum Recht ist nicht eben genug?

Dafür brauchen wir mehr politische Bildung und Wissen um den Wert unserer demokratischen Errungenschaften: Jeder und jede muss wissen, wie man die verfassungsgesetzlich gewährleisteten Rechte durchsetzen kann. Wir leben in Österreich in einer rechtsstaatlichen Demokratie – das ist nicht selbstverständlich. Ich versuche, soweit möglich, jungen Menschen den unschätzbaren Wert eines Lebens in einer liberalen Demokratie mit funktionierenden Institutionen unter Achtung der Grundrechte näherzubringen. Ich bin überzeugt, dass das Bewusstsein der Jugend für Gleichberechtigung, Gleichbehandlung, Diversität und Nichtdiskriminierung ein anderes ist als in meiner Generation.

Seit Jahren übersteigt an den juridischen Fakultäten die Zahl der Absolventinnen jene der Absolventen. Warum gibt es dennoch so wenige (sichtbare) Frauen in juristischen Toppositionen?