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Kessler, die älteste Sektkellerei Deutschlands
Weinreise

Wie der Sekt aus der Champagne nach Deutschland kam

Ochsenblut und Schaumwein – zu Besuch im Fachwerkhaus des einstigen Lieblings der Witwe Clicquot in Esslingen.

Die ersten Pluspunkte sammelt man bei eingefleischten Esslingern, wenn man über Stuttgart schimpft. In der Tat könnte der Kontrast zwischen der mit Baustellen übersäten Hauptstadt und der zehn Fahrminuten entfernten Fachwerk-Stadt nicht größer sein. Knapp 200 Bauten in diesem Stil zählt die Stadt, die in der Heugasse auch Deutschlands ältestes Fachwerk – von 1261 – für sich beanspruchen kann. Die geschlossene Häuserzeile am Hafenmarkt (der für Töpferwaren diente und nichts Maritimes hat) weist sogar noch die originalen Außenjalousien in markantem Ochsenblut-Rot auf. In derselben Farbe erstrahlt das Alte Rathaus ein Stück weiter. Seit einer aufwendigen Restaurierung lassen sich die hölzernen Stützbalken, auch Schwäbischer Mann genannt, im alten Glanz erkennen.

Die Rückseite zeigt bereits ein Renaissance-Gesicht, in dem vor allem die astronomische Uhr dominiert. Doch der Kern des 1424 fertiggestellten Baus erinnert an die erste Hoch-Zeit der 92.000-Einwohner-Stadt, die heute Industriegiganten wie Eberspächer oder Festo beherbergt. Die Staufer-Kaiser förderten die Siedlung am Neckar massiv: 1228 gab es das Stadtrecht, auch Münz- und Marktrecht gehen auf das Mittelalter zurück. Hier hat auch das spannungsreiche Verhältnis zum nahen Stuttgart seine lange Vorgeschichte. Denn Esslingen war eine Reichsstadt, die nur dem Kaiser unterstand, während die Grafen (später: Herzöge) von Württemberg hier lang nichts zu bestellen hatten.

Worauf der Reichtum der Stadt gründete, ist auch heute noch zu erkennen – unmittelbar neben den Festungsbauten wie dem Dicken Turm erstrecken sich endlose Weingärten. Die Küfergasse entlang des Flusses zeugt ebenfalls von der Intensität des Weinhandels. 40 Fassbinderbetriebe kamen damals auf 6000 Esslinger. Und an beinahe jeder Ecke der Altstadt finden sich ehemalige Pfleghöfe, wie man die Außenstellen der Kirchen und Klöster nannte, die hier ihre Agrargeschäfte tätigten. Der markanteste schrieb später erneut Weinbaugeschichte. Der einstige Besitz des Domkapitels zu Speyer wurde von Georg Christian Kessler zum Unternehmenssitz erkoren. Kesslers Lebensweg hätte auch gänzlich anders verlaufen können. Denn eine der legendärsten Figuren der Champagnerwelt hatte ihn um 1820 bereits als ihren Nachfolger vorgesehen: Barbe-Nicole Clicquot-Ponsardin. Die „Witwe Clicquot“ entschied sich aber anders; bis heute wird über die Gründe gerätselt, die den Schwaben in Ungnade fallen ließen. Für Esslingen erwies sich der Rückkehrer aus Reims als Glücksfall. Denn Georg Christian Kessler versuchte sich zunächst in jener Branche, die Esslingen zur führenden Industriestadt Württembergs machen sollte. Noch mit Kapital der Franzosen war eine Tuchfabrik etabliert worden. Bis in die 1970er-Jahre existierte das Unternehmen weiter, das ursprünglich an der Maille etabliert worden war.

Sektkellerei Kessler in Esslingen
Sektkellerei Kessler in Esslingen(c) imago/Wilhelm Mierendorf

Der kopflose Reiter

Dieser großzügige Stadtpark verdankt seinem Namen den Franzosen, die hier dem Crocket-Vorläufer „paille-maille“ nachgingen. Der Golfplatz für Müßiggänger des 18. Jahrhunderts ist heute so etwas wie das Herz der Altstadt und bildet eigentlich eine von den Kanälen Rossneckar und Wehrneckar umflossene Insel. Das nahe Klein Venedig mit der letzten Mühlenanlage lässt sich ebenso von hier erreichen wie die Innere Brücke über den Neckar, die eine weitere Einnahmequelle der Stadt darstellte. Denn der Weg vom reichen Flandern nach Italien führte über diese Zollstelle. Heute trinkt man in den schnuckeligen barocken Mauthäuschen Espresso und taxiert allenfalls die Passanten.

Der Weg zurück zum Marktplatz führt vorbei am Fischbrunnen, den die erfundene, aber nicht weniger schaurige Sagenfigur des Postmichels ziert. Mitten im Ersten Weltkrieg errichtet, erinnert sie an den unschuldig hingerichteten Postreiter, der auch kopflos noch jährlich sein Horn blies, bis der tatsächliche Täter den Mord an seinem Onkel gestand. Esslingens imposante Fachwerkgasse hinunter geht es zum Kessler-Karrée bei der Dionys-Kirche. Ursprünglich befand sich auch die zweite Unternehmung Georg Christian Kesslers, Deutschlands älteste Sektkellerei, woanders: Der Pfleghof des bayrischen Klosters Kaisheim wurde am 1. Juli 1826 zum Sitz seiner Sektmanufaktur. Ein gutes Jahr später gab es die „nach Champagner-Art bereiteten hierländischen moußirenden Weine“ dann erstmalig zu erwerben. Ab 1833 übersiedelte die Produktion in den markanten Pfleghof am Rand des Esslinger Marktplatzes.

Vier Jahre zuvor wurde hier einer der wichtigsten Geologen der k.u.k. Monarchie geboren, informiert die Gedenktafel über Ferdinand von Hochstetter. Der Pfarrerssohn aus Esslingen war ein Lehrer Kronprinz Rudolfs, nachdem er sich bei der berühmten Weltumsegelung der Novara ausgezeichnet hatte und auch die Vulkane Neuseelands erstmals umfassend beschrieben hatte. Auch die erste korrekte Beschreibung eines Tsunamis verdankt sich dem späteren Gründungsdirektor des Naturhistorischen Museums.

Sammlung alter Flaschen
Sammlung alter Flaschen(c) imago/Wilhelm Mierendorf (Wilhelm Mierendorf)

Piccolos und Zeppeline

Der Eigentümer seines Geburtshauses war zu diesem Zeitpunkt bereits 35 Jahre tot. Immerhin erlebte Georg C. Kessler das rasante Wachstum seiner Kellerei noch mit: Aus den 4000 Flaschen des ersten Jahrgangs wurden 140.000, die in seinem Todesjahr 1842 erzeugt wurden. Der Sekt aus Esslingen wurde in der Folge ein Prestigeobjekt im Deutschen Reich, das von klugem Marketing begleitet wurde. In den Kessler-Kellern sieht man die zeitgeistigen Etiketten aufgereiht: „Tennis-Sekt“, „Automobil-Sect“, ja selbst dem Drei-Bund widmete man einen Schaumwein, auf dessen Etikett die Kaiser Wilhelm II. und Franz Joseph noch einträchtig neben Italiens Viktor Emanuel zu sehen sind. Älter noch ist das Sujet, das der gebürtige Salzburger und berühmte „Simplicissimus“-Zeichner Joseph Benedikt Engl 1904 schuf: Die beiden Kellner mit dem eisgekühlten Kessler-Sekt zieren den Eingang der Manufaktur bis heute. Und auch den dazugehörigen Spruch haben ältere Deutsche noch im Ohr: „Es machen euch das Leben froh – die beiden Kessler Piccolo“.

Doch der Ruhm, der Bordsekt der Zeppeline gewesen und von Kanzler Konrad Adenauer als offizieller Sekt für Regierungsempfänge benannt worden zu sein, reichte irgendwann nicht mehr. Die Kellerei meldete 2004 Insolvenz an. Es war ein Esslinger, der die Wiedergeburt mit finanzkräftigen Partnern einleitete. Christopher Baur stellte die strategische Partnerschaft mit der italienischen Genossenschaft Cavit her, von der Grundweine bezogen werden. Sie ist heute auch größter Gesellschafter, wie Baur in der historischen Trinkstube erzählt, in der die Kellerführungen enden: „Wir haben zunächst einmal aus den 30 Sorten fünf gemacht und Komplexität aus dem Laden herausgenommen.“

Zum Abschied entkorkt Baur die neueste Abfüllung des Hauses. 60 Monate lag der Schaumwein aus Chardonnay- und Pinot-Noir-Trauben auf der Hefe. „Er heißt Georges, so wie unser Gründer in Frankreich gerufen wurde“ – und trägt das achteckige Etikett, das Georg Kessler aus der Champagne nach Esslingen gebracht hat.

TIPPS IN ESSLINGEN – FÜR SPÄTER

Fachwerk am Fluss. Die schönste Ter- rasse Esslingens hat die Alte Zimmerei, Pizza in Insel-Lage mit Blick auf die Altarme des Neckars ist in L'Osteria angesagt. www.alte-zimmerei.de

Kinderbuchklassik. Im J.-F.-Schreiber-Verlag entstand „Etwas von den Wurzelkindern“ (1906) und „Die Häschenschule“ (1924). Originale bis hin zum „kleinen Raben Socke“ zeigt das Museum im Salemer Pfleghof. museen-esslingen.de

Merkel'sches Bad. Das sehenswerte Jugendstil-Schwimmbad – eine Stiftung des Fabrikanten Oskar Merkel von 1907 – ist bis heute in Betrieb. www.swe.de/merkelsches-schwimmbad

Regionalkost. Keine echte Besenwirtschaft (entspräche einem Heurigen), aber herrliche schwäbische Küche wie geschmälzte Maultaschen: direkt am Marktplatz. www.kielmeyersbesen.de

Schwaben-Diner. Ein so authentisches Stück 1960er-US-Amerika, dass man sich die Augen reibt. Gut sind selbst die veganen Burger hier! The Ladies Diner, www.theladies.de

Spätzlekauf. Maultaschen, Spätzle und die Schokospezialität Esslinger Teufelsäpfel führt das Delikatessenhaus Enkel-Schulz. www.enkel-schulz.de

Sprudelheim. Am besten lässt sich die älteste Sektkellerei Deutschlands in der 90-Minuten-Führung mit drei Proben am Ende erleben. Kessler Sekt, www.kessler-shop.de

Wein-Wohnung. Mitten am Marktplatz warten im 1582 erbauten Kielmeyerhaus nach Rebsorten benannte Appartements http://kielmeyerhaus.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2021)