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Junge Forschung

Ein biologisch abbaubarer Pullover

Forschungsaufenthalte in Lateinamerika und Asien prägten sie nicht nur als Forscherin, sondern auch als Mensch, sagt Julia Schmitt.
Forschungsaufenthalte in Lateinamerika und Asien prägten sie nicht nur als Forscherin, sondern auch als Mensch, sagt Julia Schmitt.Hermann Wakolbinger
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Die Nachhaltigkeitsforscherin Julia Schmitt ist Expertin für Kreislaufwirtschaft. Sie untersucht innovative Konzepte von Betrieben, um Materialkreisläufe zu schließen.

Wenn Konsumenten gebrauchte Kleidungsstücke im Geschäft zur Wiederverwertung zurückgeben können, führt das zu einer Art Schubumkehr in einer Branche, in der nachhaltige Produktion eher die Ausnahme ist. Das Vorarlberger Unternehmen, das genau diese Möglichkeit für Textilien einer bestimmten Produktlinie anbietet, habe zusammen mit seinen Partnerfirmen die Faser- und Textilchemie völlig neu definiert, sagt auch Julia Schmitt. Sie ist als Forscherin auf das Produktdesignkonzept „Cradle to Cradle“ (C2C) spezialisiert, das sich sinngemäß mit „von Ursprung zu Ursprung“ übersetzen lässt.

Konkret bedeutet C2C für Unternehmen, bei der Entwicklung von Produkten alle toxischen Stoffe aus Lieferketten zu eliminieren – eine Vorgabe, die weit über das bloße Schließen von Materialkreisläufen hinausgeht. Deshalb erfordert das meist betriebliche Umstellungen oder den Einsatz neuer Technologien. Die angesprochene Textilfirma habe zum Beispiel mehrere Jahre lang „einen schwarzen Rollkragenpullover entwickelt, den Steve Jobs wegen seiner Innovativität sicher gern bei Produktpräsentationen getragen hätte“, glaubt Schmitt. „Da die Garne biologisch abbaubar und komplett aus gesunden Materialien hergestellt sind, entsteht beim Waschen kein gefährliches Mikroplastik mehr.“

 

Nachhaltige Pionierarbeit

Dieses und andere Beispiele aus Betrieben untersuchte die Forscherin in einem fünfjährigen Projekt am Institute for Integrated Quality Design (IQD) der Universität Linz. In die Studie mit dem Titel „Cradle to Cradle Innovationsprozesse (CCIP)“ floss auch die Strategie einer niederösterreichischen Druckerei ein. Das Unternehmen prüft konsequent alle Inhaltsstoffe seiner Druckerfarben und Lösungsmittel bis zum letzten Sublieferanten auf deren Umweltverträglichkeit und konnte dadurch als weltweit erste Druckerei C2C-zertifizierte Produkte anbieten. Ebenso Gegenstand von Schmitts Untersuchung war die Pionierarbeit eines Produzenten von Haushaltsreinigern, der durch zusätzliche Sortierschritte aus gemischten Kunststoffabfällen besonders hochwertige PET-Flaschen und andere Verpackungen herstellt. Aus all diesen Fallstudien leitete sie schließlich generelle Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen für Firmen ab.

Die Themen Nachhaltigkeit und Umweltschutz seien ihr immer schon wichtig gewesen, sagt sie. Bereits für ihre Bachelorarbeit reiste sie als Studentin ins Hochland von Peru, um sich dort ein Bild vom biologischen Anbau der Physalisfrucht zu machen. Es folgten Praktika und Forschungsaufenthalte in Lateinamerika und Asien, die sie nicht nur als Forscherin, sondern auch als Menschen geprägt hätten. „In La Oroya (Bergbauzentrum von Peru, Anm.) konnte man die Luft wirklich kaum einatmen. In den Minen von Potosí (Bolivien, Anm.) habe ich mit einem Mann geredet, der jünger war, als ich es jetzt bin, und dennoch seine statistische Lebenserwartung bereits überschritten hatte. Jeder Manager sollte erleben, wo und unter welchen Bedingungen unsere Rohstoffe abgebaut und Produkte produziert werden“, sagt Schmitt.

Nicht zuletzt habe ihr die an der Universität Erlangen-Nürnberg preisgekrönte Masterarbeit, die der Umsetzung öko-fairer Mode gewidmet war, die Augen geöffnet, wie wichtig es wäre, sich für Nachhaltigkeit einzusetzen. In der beruflichen Praxis habe sich dieses Ziel allerdings nur schwer umsetzen lassen, was mit ausschlaggebend für ihre Entscheidung war, in die Forschung zu gehen. Ihre Bewerbung um eine Doktoratsstelle führte sie letztendlich an das Linzer IQD, wo sie inzwischen promovierte.

Mit Linz als Lebensmittelpunkt ihrer Postdoczeit ist Schmitt zufrieden. Wünschen würde sie sich und der Stadt nur „eine bessere Radinfrastruktur und mehr Bäume“ – logische Anliegen für eine Nachhaltigkeitsforscherin, deren bevorzugtes Fortbewegungsmittel zudem das Rennrad ist. Ein wichtiger Ausgleich sei für sie neben den Treffen mit Freundinnen und Freunden außerdem Salsatanzen. „Besonders Tanzen ist gut, um bei der stark kopflastigen Tätigkeit die Erdung nicht zu verlieren.“

ZUR PERSON

Julia Schmitt (36) ist Expertin für innovative Kreislaufwirtschaft. Nach einem Bachelorstudium in „Intercultural and Business Studies“ in Passau, einem Master in „International Business Studies“ in Nürnberg und beruflichen Zwischenstationen in Firmen arbeitet sie seit 2015 am Institute for Integrated Quality Design der Universität Linz, wo sie Ende 2020 auch promovierte.

Alle Beiträge unter:diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2021)