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Wissensvermittlung

Muss Wissenschaft Geschichten erzählen?

Man schrieb das Jahr 1910, als der britische Polarforscher Ernest Shackleton nach Wien reiste, um im Musikverein von seiner Antarktis-Expedition zu berichten.
Man schrieb das Jahr 1910, als der britische Polarforscher Ernest Shackleton nach Wien reiste, um im Musikverein von seiner Antarktis-Expedition zu berichten.APA
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Notwendiges Übel, fatale Liaison oder gesellschaftliche Verpflichtung? Bei der Preisverleihung zur Kür des „Wissenschaftsbuch des Jahres“ diskutierten die von Fachjury und Publikum ausgezeichneten Autoren über die populäre Verwertung wissenschaftlicher Erkenntnis.

Man schrieb das Jahr 1910, als der britische Polarforscher Ernest Shackleton nach Wien reiste, um im Musikverein von seiner Antarktis-Expedition zu berichten. Er fügte sich dem Wunsch seiner Gastgeber, dies auf Deutsch zu tun. Es sei ein Kampf mit der Sprache gewesen, kommentierte die „Neue Freie Presse“ den Vortrag.

Ja, es kann zur Herausforderung werden, wissenschaftliche Erkenntnis an Laien zu vermitteln. Und während sich manche Geschichten von selbst erzählen – zumindest wenn man der Sprache seiner Zuhörerschaft mächtig ist –, bedarf es zumeist doch eines besonderen Talents dafür, das Publikum mit Sachthemen zu fesseln.

Unbestritten gelungen ist das jenen Autoren sowie jener Illustratorin, die Anfang der Woche den Preis für das „Wissenschaftsbuch des Jahres“ verliehen bekamen. 2021 ging diese Auszeichnung – eine Kooperation des Magazins „Buchkultur“ mit dem Wissenschaftsministerium – an den Geologen und Archivar Thomas Hofmann von der Geologischen Bundesanstalt in Wien („Abenteuer Wissenschaft“), an den deutschen Philosophen Martin Hartmann („Vertrauen“) und seinen Landsmann, den Soziologen Martin Schröder („Wann sind wir wirklich zufrieden?“) sowie an die polnische Künstlerin Nikola Kucharska („Ausgestorben“).

Nur nichts verwässern

Bei der virtuellen Verleihung diskutierten die Gewinner und die Gewinnerin mit „Buchkultur“-Geschäftsführer Max Freudenschuß darüber, ob Wissenschaft Geschichten erzählen müsse, um Gehör zu finden.

„In einer medialen Welt, in der Infotainment und kleine Wissenshäppchen dominieren, punktet das Buch durch sein Potenzial, komplexe Zusammenhänge sichtbar zu machen“, strich Freudenschuß hervor. Wie viel Storytelling zulässig sei, ohne die im Zentrum stehende Erkenntnis zu verwässern, sei aber eine Gratwanderung. Als Illustratorin von Kindersachbüchern ist das Geschichtenerzählen für die Siegerin in der Kategorie „Junior“, Nikola Kucharska, täglich Brot. Ihr sei es in ihrem Buch über ausgestorbene Tiere wichtig gewesen, Fakten nicht nur zu zeigen, sondern auch Zusammenhänge zu erklären, betonte sie. Das eröffne eigene Handlungsmöglichkeiten. Für Schröder – er wurde für seine Publikation über Zufriedenheit in der Kategorie Geistes-/Sozial-/Kulturwissenschaft ausgezeichnet – ist das Geschichtenerzählen eine Kompetenz, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler lernen sollten. „Wir Menschen sind einfach unfassbar schlecht darin, uns Daten und Fakten zu merken, Geschichten helfen uns dabei.“ Auch Hartmann, mit seinem Buch über Vertrauen Preisträger in der Kategorie Medizin/Biologie, empfindet eine gewisse gesellschaftliche Verpflichtung als akademischer Philosoph, seine Gedanken möglichst vielen Menschen mitzuteilen. „Wir dürfen unsere Erkenntnis nicht opfern, nur um etwas zu erzählen. Aber wenn es gelingt, diese Erkenntnis so nah an die Wirklichkeit heranzubringen, dass es eine Geschichte wird, dann ist das sicher ein großer Vorteil.“

An Geschichten mangelt es Hofmann, Sieger in der Kategorie „Technik/Naturwissenschaft“, jedenfalls nicht. Er hat als Archivar Einblick in über 100 Jahre Forschungsgeschichte und erzählt in seinem Buch vom Alltag auf Expeditionen. Er ist überzeugt: „Mit Authentizität und dem menschlichen Faktor lässt sich Wissenschaft am besten kommunizieren.“ Hofmann war es auch, der bei der Diskussion die Shackleton-Anekdote beisteuerte. Dessen Bemühen um Verständlichkeit vor dem Wiener Publikum hatte sich übrigens gelohnt: Sein Vortrag in holprigem Deutsch erntete begeisterten Jubel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2021)