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Im Schatten dreht sich's lustiger

Streamingtipps. Der diesjährige Oscar-Favorit „Mank“ handelt von einem Underdog in Hollywood. Am Rand ist es oft spannender als im Rampenlicht. Sieben Filme über Industrie-Renegaten und Regie-Amateure. VON ANDREY ARNOLD


The Other Side

of the Wind

Und der Oscar geht an: Hollywood! Denkt man sich oft, wenn man die Academy Awards verfolgt. Immer wieder spielt die Traumfabrik selbst eine Haupt- oder Nebenrolle in führenden Filmen ihres größten Preisausschreibens: „Argo“, „The Artist“, „Birdman“, „La La Land“. Heuer heimste David Finchers „Mank“ (Netflix) zehn Nominierungen ein, für ein Porträt der „goldenen“ Studioära der 1930er und 1940er. Es fällt weniger schmeichelhaft aus als üblich. Im Zentrum steht Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz, den Fincher als verkannte Triebfeder hinter Orson Welles' Meilenstein „Citizen Kane“ darstellt. Leider muss man konstatieren: Welles selbst ist immer noch spannender.

Davon zeugt auch die von Netflix mitgetragene Fertigstellung eines unvollendeten Spätwerks von ihm. „The Other Side of the Wind“ wurde vom Cutter Bob Murawski in mühevoller Kleinarbeit aus einem üppigen Materialfundus verkittet. Und ist wie „Mank“ ein Hollywood-Porträt aus der Underdog-Perspektive. John Huston brilliert als alternder Regie-Rabauke am letzten Tag seines Lebens, umschwirrt von (echten) Stars, Charakterköpfen, Kritikern der angehenden 1970er. Ein tragikomischer Schlüsselfilm voller unbändiger Energie. Netflix


Living in Oblivion

Während sich das Zauberwerk hinter den Kulissen zeitloser Hollywood-Klassiker gut zur Verklärung eignet, erweist sich die Mythologie des US-Independent-Kinos der 1990er als erstaunlich nostalgieresistent. Tom DiCillos Komödie zeigt, warum: Ein Käfig voller Narren, angeführt von einem Regie-Neurotiker (Steve Buscemi), kämpft hier in einer Parodie der tollkühnen Planlosigkeit vieler Billigproduktionen der Zeit um jeden Meter Film. Jeder hat mit jedem etwas laufen, aber keiner weiß Bescheid. Mittendrin im Fegefeuer der Eitelkeiten: Peter Dinklage in seiner ersten Rolle. Amazon


Nacktschnecken

Von Michael Glawogger, 2004

Johann (Raimund Wallisch) möchte wieder mal „pudern“. Max (Michael Ostrowski) hat auch schon „darüber nachgedacht“. Eigentlich denkt er den ganzen Tag an nicht anderes. Mao (Pia Hierzegger), die clevere Bekannte dieser beiden Kifferkinder, will lieber etwas dazuverdienen. Blitzlösung aller genannten Probleme? Ein Porno. Amateurhaft, aber ordentlich. Was soll schon schiefgehen? Zur Freude des Publikums: einiges. Ist „Nacktschnecken“ ein Film über das Filmemachen? Wurst. Eine Sternstunde des Austrokinos, zwanglos witzig, mit Hirn, Herz und Glied. Kino VOD Club (4,90€)


Once Upon a Time . . . in Hollywood

Von Quentin Tarantino, 2019

1969: Don Quixote und Sancho Panza im Land der untergehenden Sterne. Leo DiCaprio gibt einen TV-Haudegen am absteigenden Ast, Brad Pitt sein treues Stuntdouble und Faktotum. Im Tal der Träume werden Western gedreht, hinter den grünen Hügeln wetzt der Manson-Kult schon seine Messer. Und Tarantino schwelgt in der Erinnerung an eine Filmära, die er nur aus Filmen kennt. Sky


The Disaster Artist

Von und mit James Franco, 2017

Der „schlechteste Film aller Zeiten“? Oder ein unbezahlbares Stück Outsider-Kunst? Tommy Wiseaus Fremdschäm-Phänomen „The Room“ (2003) ist beides. Und um Längen interessanter als James Francos Komplementärwerk „The Disaster Artist“. Dieses bietet dafür einen passablen Abriss der Produktionshintergründe von Wiseaus Epos. diverse Anbieter (ab 4€)


Ed Wood

Man muss nur an sich glauben. Ein Mantra, das schon viele weit gebracht hat. Die meisten an den Rand des Wahnsinns. Tim Burtons „Ed Wood“ blendet das nicht aus. Und bekennt sich dennoch ganz zu seiner Hauptfigur. Johnny Depp spielt das freudig verrückte Genie hinter dem qualitätsbefreiten Sci-Fi-Film „Plan 9 from Outer Space“ (und anderen Glücksunfällen aus den 1950ern) als reinen Tor mit Kamera, der sich sein zweifelhaftes Talent von nichts und niemandem ausreden lässt. Disney+


Le Mépris

(Die Verachtung)

Von Jean-Luc Godard, 1963

Ein Paralleluniversum, in dem Godard nach seinen ersten Nouvelle-Vague-Erfolgen den Experimentierhut an den Nagel gehängt und sich in Hollywood eine goldene Nase verdient hat, ist fast unvorstellbar. Zu tief sitzt dem Schutzpatron der Kunstfilm-Gegenkultur der Schalk im Nacken und die Kritik im Kopf. Siehe „Le Mépris“: Geharnischtes Traktat über den Widerspruch von Kino und Industrie, bildschönes Scheitern mit Bardot, Capri und Piccoli. Am Rand: Fritz Lang. Zum Schluss: Das Meer. Sky

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2021)