Medientage: "Nicht immer stand-by sein"

(c) Www.BilderBox.com (BilderBox.com)
  • Drucken

Medienforscherin Miriam Meckel rät nach ihrem Burn-out zur Verweigerung ständiger Erreichbarkeit, denkt bei U-Bahn-Zeitung an Karl Marx und ist von Natascha Kampusch beeindruckt. Sie referiert heute in Wien.

„Die Presse“: Welche Bedeutung haben Medien in der Demokratie eigentlich noch?

Miriam Meckel: Medien sind immer noch der Kitt unserer Gesellschaft. Die Menschen brauchen Themen, über die sie sprechen können, nur so sind sie sozial verbunden. Und das gilt besonders für eine Demokratie. Ohne Medien und ihre Funktionen der Information, Meinungsbildung, Kritik, Kontrolle ist Demokratie nicht vorstellbar.

Werden die Medien ihrer gesellschaftlichen Verantwortung noch gerecht?

Meckel: Da muss ich differenziert antworten. Es gibt immer noch Medien, die ihre Aufgabe sehr ernst nehmen und zuweilen großartige Geschichten hervorbringen: gut recherchierte Lokalberichte, investigative Berichte über Missstände in Politik und Wirtschaft, mitreißende Reportagen. Aber das ist inzwischen eher die Ausnahme als die Regel. Der Großteil des journalistischen „Outputs“ besteht heute in Nachrichten als Commodities und in Geschichten, die nicht selbst recherchiert sind. Das liegt zum einen am ökonomischen Druck, dem Redaktionen ausgesetzt sind, zum anderen am rasenden Tempo der medialen Agenda und der Konkurrenz durch das Internet.

Ist es nicht so, dass jede Gesellschaft die Medien kriegt, die sie verdient? Also: möglichst rasche, dafür kurze Information via Internet, Handy, oder bei den Jungen, wenn's hoch kommt, vielleicht noch eine U-Bahn-Zeitung.

Meckel: Da fällt mir Karl Marx ein: „Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein.“ Insofern sind auch die Medien ein Spiegel der Gesellschaft. Andererseits haben die Medien durchaus die Chance, den Zustand der Gesellschaft ins Blickfeld zu rücken. Wir haben es also wohl mit einer Wechselwirkung zu tun.

Sie sagen, die Medien hätten ihre aufklärerische Funktion verloren. Was ist da passiert?

Meckel: Heute drängen Jugendliche in Kommunikations-Channels wie Facebook, lassen dort jeden, der will, an oft intimsten Ereignissen teilnehmen, tauschen sich mit „Freunden“ aus, die keine echten Freunde sind, und begeben sich in Gefahr, verhöhnt oder gemobbt zu werden.

Selbst schuld? Sollen sie sich verweigern?

Meckel: Ich glaube nicht, dass wir mit einer Verweigerungshaltung gegenüber sozialen Medien heute weiterkommen. Dafür ist es zu spannend mitzuverfolgen, was auf diesen Plattformen geschieht. Wer sich täglich fünf Stunden auf Facebook tummelt, hat womöglich irgendwann ein Problem.

Was ist mit der Verantwortung des Einzelnen? Die meisten greifen eben lieber zur „Bild“ als zur „Zeit“.

Meckel: Es war in der Geschichte der Menschheit fast immer so, dass unterhaltsamere Inhalte ein größeres Publikum gefunden haben als aufklärerische oder rein informationsorientierte. Auch die Bänkelsänger im Mittelalter mussten ihre Infos erzählerisch gut verpacken und benutzten Bildtafeln, um sie zu illustrieren.

Und die Gesellschaft? Es gibt keine Medienerziehung.

Meckel: Ich plädiere seit einiger Zeit dafür, dass wir die medialen und technologischen Veränderungen endlich in den Schulen konsequent zum Thema machen. Dabei geht es nicht darum, wie die jungen Menschen mit den neuen Angeboten praktisch umgehen – das lernen sie ganz von selbst und viel schneller als ihre Eltern und Lehrer. Es geht um den Kontext: Welche Informationen sind für mich wichtig, wo und wie finde ich die, und wie weiß ich, ob sie verlässlich und glaubwürdig sind? Warum ist es wichtig, dass ich meine „Privacy“-Einstellungen bei Facebook kontrolliere, damit nicht jeder alles sehen kann, was ich dort einstelle?Mit diesen Fragen beschäftigen sich die Schulen nicht, und das ist ein großes Versäumnis.

Sie haben unter einem Burn-out gelitten. Waren die Medien schuld? Was raten Sie Menschen, die wie Sie in der Öffentlichkeit stehen?

Meckel: Die Medien waren überhaupt nicht schuld. Bei mir ging es um ein Zuviel an Arbeit und Pflichterfüllung, gepaart mit einem Mangel an Ruhe und Denkpausen. Die Kommunikationstechnologien können da als Verstärker wirken. Wer immer und überall erreichbar ist, kann nie wirklich abschalten.

Was sagen Sie zu Natascha Kampusch, die jetzt ein Buch geschrieben hat? Sie ist selbst an die Öffentlichkeit gegangen, beschwert sich aber auch, wie die Medien mit ihr umgehen.

Meckel: Ich bin sehr beeindruckt davon, wie sie diese furchtbaren Erlebnisse überstanden hat, wie sie darüber versucht zu sprechen. Und ich glaube, dass es helfen kann, über solche Erfahrungen zu sprechen und zu schreiben. Andererseits muss man natürlich höllisch aufpassen, dass man nicht in eine Medienmaschinerie gerät, die einem die letzte Ruhe raubt – und manchmal auch den letzten Nerv.

Sie haben ein Buch zum Thema „Das Glück der Unerreichbarkeit“ geschrieben. Ist ein Leben ohne Medien, Handy denkbar?

Meckel: Ich habe nie für eine Gesellschaft ohne Medien plädiert, das wäre absoluter Unsinn. Wir können die Zeit nicht zurückdrehen, wir können nur die Gegenwart gestalten. Und dazu lautet mein Ansatz: Nicht immer stand-by sein, sondern gelegentlich alles abschalten, um dann für etwas oder jemanden wirklich da zu sein. Manchmal heißt dieser „jemand“ dann einfach „ich“.

Zu Person und Kongress

Miriam Meckel ist Direktorin des Instituts für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen. Publikationen: u.a. „Brief an mein Leben – Erfahrungen mit dem Burn-out“ (Rowohlt, 2010), „Das Glück der Unerreichbarkeit“ (Murmann, 2007), „Die globale @genda“ (Westdeutscher Verlag, 2001).

Die Medientage 2010 zum Kernthema „Mitten in der gesellschaftlichen Verantwortung“: 21. bis 23.9. in der Wiener Stadthalle. Meckel ist Keynote-Speaker am Eröffnungstag. www.medien-tage.at [Claude Stahel]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2010)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.