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Der ökonomische Blick

Wie Corona langfristig die Ungleichheit erhöht

Peter Kufner
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Die Impfung ist da, doch die ökonomischen Spätfolgen der Pandemie werden uns noch lang begleiten.

National wie auch international trifft die Pandemie die Ärmsten und Schwächsten der Gesellschaft am härtesten. Dabei erhöht die gegenwärtige Wirtschafts- und Gesundheitskrise nicht nur die Einkommens- und Vermögensungleichheit, auch die Gleichstellung zwischen Mann und Frau und die Chancengleichheit leiden. Die Folgen werden uns teilweise noch lang begleiten. Ein Überblick.

Eine aktuelle Studie der ETH Zürich für die Schweiz zeigt, dass die Einkommensausfälle bei Haushalten mit niedrigen Einkommen mit einem Minus von 20 Prozent im Schnitt am höchsten sind. Menschen mit geringem Einkommen, die arbeitslos geworden sind, verzeichnen gar Ausfälle von 50 Prozent. Die Kurzarbeitsentschädigung bietet eine bessere Absicherung, was sich zudem günstig auf die psychische Gesundheit auswirkt. Auch bei den Selbstständigen trifft die Krise jene mit niedrigen Einkommen am härtesten.

Da die gegenwärtige wirtschaftliche Krise durch die Verbreitung und Bekämpfung eines hoch ansteckenden Virus bedingt ist, sind andere Berufszweige betroffen als in einer klassischen Wirtschaftskrise. Die in der Regel gut bezahlten Bürojobs bleiben dank Home-Office erhalten, während die Schließungen vor allem personennahe Dienstleistungen, Restaurations- und Kulturbetriebe treffen – alles Branchen, in denen die Löhne tief und die Arbeitsverhältnisse oft prekär sind. In gewöhnlichen Wirtschaftskrisen, wie wir sie zum Beispiel 2008/2009 erlebt haben, stützen diese binnenorientierten Branchen die Konjunktur, während die exportorientierte Industrie und nicht selten auch der Finanzsektor in Mitleidenschaft gezogen werden.

Im besten Fall öffnet sich die Schere nun nur vorübergehend. Es ist jedoch zu befürchten, dass in besonders stark betroffenen Branchen, beispielsweise im Gastgewerbe, das Lohnwachstum in den nächsten Jahren unterdurchschnittlich ausfällt. In diesem Fall würde das Lohngefälle zwischen den Hochlohnbranchen und dem Niedriglohnsektor zunehmen.

Jede Woche gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse"-Redaktion entsprechen.

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Schere geht auf

Haushalte mit hohen Einkommen (67 Prozent von ihnen arbeiten pandemiebedingt von zu Hause) haben nur geringe Einkommensausfälle – bei gleichzeitig viel größeren Ausgabenkürzungen. Als Grund geben sie vermehrt an, keine Möglichkeiten gehabt zu haben, Geld auszugeben. Wenn Restaurants zu, kulturelle Veranstaltungen abgesagt und Reisemöglichkeiten stark eingeschränkt sind, fallen Konsummöglichkeiten vor allem reicherer Haushalte weg.
Am unteren Ende der Verteilung sieht es freilich anders aus: Teure Freizeitaktivitäten waren in diesen Haushalten schon vor der Krise kaum Teil des Budgets, und Kosten für Miete, Krankenkasse und Güter des täglichen Bedarfs fallen weiterhin an.
Nach einem Jahr Krise schlägt dies auf die Vermögen durch: Haushalte mit tiefen Einkommen mussten deutlich häufiger ihr Erspartes anzapfen, um laufende Ausgaben zu decken, als jene mit hohen Einkommen. Letztere sahen ihre Ersparnisse sogar ansteigen – eben weil sie weniger ausgeben konnten. Jeder neunte einkommensschwache Haushalt hat sich dagegen verschuldet.

Superreiche wurden reicher

Was im Kleinen gilt, gilt auch im Großen: Die globalen Superreichen hatten ihre anfänglichen Vermögensverluste bereits im Sommer wieder wettgemacht, wie der PWC-UBS Billionaires Report vom Juli zeigt, Ende des Jahres ist ihr Vermögen gegenüber dem Vorjahr gestiegen.
Die Zunahme der Vermögensungleichheit wird uns länger begleiten. Denn wer bisher schon schlecht verdient hat, etwa als Friseur oder Kellnerin, sein Erspartes aufgebraucht und sich verschuldet hat, wird kaum in den kommenden Jahren mehr verdienen, um sich rasch wieder einen Sicherheitspolster anzulegen. Damit sind diese Haushalte und die Volkswirtschaft insgesamt schlechter gewappnet für die nächste Krise.

Auch Schulschließungen verringern wichtige Investitionen in das Humankapital der Generation von morgen und haben lang anhaltende negative Effekte, die sich in Form tieferer Löhne bis ins spätere Erwerbsleben auswirken. Besonders Kinder aus bildungsfernen Haushalten und solche mit schwachen schulischen Leistungen drohen, abgehängt zu werden. Die Chancengleichheit sinkt.

Noch gravierender ist die Situation in Entwicklungsländern. Die UNO schätzt, dass durch die Lockdowns bereits 168 Millionen Kinder ein ganzes Schuljahr verpasst haben. Neben Schulschließungen und der fehlenden Infrastruktur, um den Online-Unterricht zu den Kindern zu bringen, trägt auch die Wirtschaftskrise dazu bei: In vielen armen Familien fehlt das Schulgeld, und die Kinder helfen zu Hause und auf dem Feld, versuchen etwas dazuzuverdienen. Viele von ihnen werden nicht mehr in die Schule zurückkehren. Errungenschaften in der Armutsbekämpfung der vergangenen 30 Jahre drohen, verloren zu gehen. Mit ernst zu nehmenden Folgen für die Zukunft: geringere Arbeitsmarktchancen, schlechtere Löhne, und letztlich geringeres Wachstumspotenzial für gesamte Volkswirtschaften.

Home-Schooling, Home-Office oder Arbeitslosigkeit führen zudem möglicherweise zu Rückschritten in der Gleichstellung von Mann und Frau. Während die Hoffnung groß ist, dass durch die massive Ausweitung von Home-Office und flexibleren Arbeitszeiten Männer stärker in die Familienarbeit eingebunden werden, zeigen Studien, dass Mütter ihre Erwerbsarbeit stärker reduziert und am Ende mehr der neuen Zusatzaufgaben zu Hause übernommen haben als Väter. Führt dieses Muster längerfristig zu einem Rückzug aus dem Erwerbsleben, sinken auch die Arbeitsmarktchancen der betroffenen Frauen und damit ihre finanzielle Unabhängigkeit.

Diese Krise wird die Ungleichheit entlang verschiedener Dimensionen nachhaltig verstärken. Die Folgen werden wir noch lang über das Ende der Gesundheitskrise hinaus sehen und spüren. Um zum langfristigen Wachstumspfad zurückzukehren, dürfen die Verliererinnen und Verlierer dieser ökonomischen Krise nicht vergessen werden.

Globale Sichtweise nötig

Solang die Krise anhält, braucht es nicht nur Geld für die Stützung der Wirtschaft und eine großzügige Ausgestaltung der Kurzarbeit und Arbeitslosenversicherung – besonders für Menschen mit niedrigem Einkommen. Auch der Zugang zu Kinderbetreuung und ergänzenden schulischen Angeboten muss sichergestellt werden. Dabei sind Unterstützungsmaßnahmen nicht nur in unseren Breitengraden gefragt, sondern global notwendig – eigentlich müsste die Entwicklungshilfe aufgestockt werden.

Nun, da dank der angelaufenen Impfprogramme bei uns viele das Ende der Pandemie in der Nähe wähnen, sollten wir uns diese globale Sicht auf die Dinge noch einmal ins Bewusstsein rufen. Und da sind die langfristigen Aussichten derzeit noch immer düster. Die Epidemie und ihre Spätfolgen werden uns noch lang begleiten

Die Autorin

Isabel Z. Martínez (* 1986) ist Postdoc
an der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich. Sie forscht zu Einkommens- und Vermögensungleichheit.

Isabel Z. Martínez
Isabel Z. Martínez

E-Mails an: debatte@diepresse.com

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