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Studie

Großteil der Gefängnisinsassen erleidet Gewalt

Platz ist in Österreichs Haftanstalten (Bild: Gefängnis Simmering) ein rares Gut. Und das ist problematisch. Desto enger, desto eher kommt es zu Spannungen und Gewalt.
Platz ist in Österreichs Haftanstalten (Bild: Gefängnis Simmering) ein rares Gut. Und das ist problematisch. Desto enger, desto eher kommt es zu Spannungen und Gewalt.Clemens Fabry
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Fast drei Viertel der Inhaftierten in österreichischen Gefängnissen berichten laut neuer Studie über psychische, körperliche oder sexuelle Gewalterfahrungen hinter Gittern.

72 Prozent der Inhaftierten im österreichischen Strafvollzug berichten von mindestens einem Gewaltvorfall während der Zeit im Gefängnis. Das ist die zentrale Aussage der Dunkelfeldstudie „Gewalt in Haft“. Das nun neu vorliegende Papier ist von Veronika Hofinger und Andrea Fritsche vom Institut für angewandte Rechts- und Kriminalsoziologie der Uni Innsbruck verfasst worden.

70 Prozent wurden mindestens einmal in Haft aggressiv angeschrien, beleidigt, bedroht, erpresst oder in ähnlicher Weise behandelt. Dies lässt sich aus den Berichten über psychische Gewalt ableiten. Vier von zehn Insassen erfuhren körperliche Gewalt, jeder Zehnte sexualisierte Gewalt. Besonders betroffen sind Jugendliche und Täter, die im Maßnahmenvollzug (also in einer geschlossenen psychiatrischen Abteilung) untergebracht sind. Es gilt: Je jünger die Häftlinge sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie Opfer psychischer oder körperlicher Gewalt werden. Für die Studie wurden Fragebogenerhebungen unter 386 Häftlingen vorgenommen.

Eine wesentliche Gewaltursache ist der Überbelag in den Gefängnissen. 2019, also vor dem Coronaausbruch, lag dieser bei etwa 106 Inhaftierten pro hundert Haftplätze. Jede sechste befragte Person war in einem überbelegten Haftraum untergebracht. In der Justizanstalt Wien Josefstadt gibt es nach wie vor zahlreiche Hafträume, in denen bis zu zehn Personen untergebracht werden können.

Platzmangel als großes Problem

„Der Überbelag verschlechtert das Anstaltsklima“, erläutert Kriminalsoziologin Hofinger im Gespräch mit der Austria Presseagentur. Aus Platzgründen ist die an sich rechtlich verankerte Trennung der Ersthäftlinge von Insassen mit Hafterfahrung oft ebensowenig durchführbar wie die Trennung von Insassen, die miteinander Konflikte haben. In gerichtlichen Gefangenenhäusern (diese sind quasi an Gerichte angeschlossen) gibt es insgesamt weniger Arbeitsmöglichkeiten und längere Einschlusszeiten als in reinen Strafvollzugsanstalten. „Aber es gibt auch sehr große Unterschiede zwischen den Gefangenenhäusern: Während die Haftbedingungen und das Anstaltsklima in Korneuburg beispielsweise als sehr positiv eingeschätzt wurden, gab es in überfüllten Anstalten wie in Innsbruck viel Kritik.“ Im Westen gaben alle Befragten an, Anspannung und Stress durch die Haft zu erleben. In Korneuburg sagten 95 Prozent, dass sie sich sehr sicher fühlen.

65 Prozent mit Migrationshintergrund

Blickt man auf die Herkunft der Insassen, zeigt sich, dass mehr als jede zweite Person eine andere als die österreichische Staatsbürgerschaft hat. 65 Prozent der Insassen haben Migrationshintergrund, das heißt, sie sind nicht in Österreich geboren und/oder verfügen über eine andere Staatsbürgerschaft.

Bei der Studienstichprobe hatten sogar 59 Prozent keine österreichische Staatsbürgerschaft. Insgesamt wurden Personen mit 39 verschiedenen Staatsbürgerschaften und auch sechs Staatenlose befragt.

Um Gewalt einzudämmen, braucht es – außer ausreichend Platz – vor allem professionell agierendes Personal. Die Personal-Insassen-Quote ist hierzulande deutlich niedriger als in Österreichs Nachbarstaaten. Wenn es zu Übergriffen durch das Personal kommt, brauche es ganz klare rote Linien und einen konsequenten Umgang damit, so Hofinger. Sie und Co-Autorin Fritsche sprechen sich dafür aus, dass Justizwachebeamte in konfliktträchtigen Situationen Bodycams tragen, damit etwaige Gewaltvorwürfe aufgeklärt werden können.

Und: In modernen, am aktuellen Stand der Strafvollzugsarchitektur ausgerichteten Anstalten herrscht tendenziell eher ein besseres Klima als in überfüllten, älteren Gebäuden mit baulichen Mängeln. Allerdings: „Nur eine schicke Architektur bringt nichts“, so Hofinger.

Ausreichend präsentes Personal sei unabdingbar, wobei sich die Autorinnen dafür aussprechen, sich bei den Aufnahmekriterien und der Ausbildung an den relativ hohen Standards der skandinavischen Länder zu orientieren.