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Mein Freitag

Die zweite Kasse für die Poesie ist geöffnet

Beim Schlangestehen hat uns der Engländer nichts mehr voraus.
Beim Schlangestehen hat uns der Engländer nichts mehr voraus.APA/HELMUT FOHRINGER
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Da das Telefonieren mit Maske schwierig ist, gibt es nun auch wieder Gespräche zu belauschen.

„Ein Plus musst Dir verdienen, ein Minus kriegst“, ist einer jener Sätze im Vorbeigehen, die etwas auslösen. Wir haben alle das Minus eingesteckt und verdienen nun ein Plus. Daran muss ich beim Anblick der Schlange vor der Apotheke denken. Ah, Covid-Test, denkt man sich und wie noch vor mehr als einem Jahr weder das Wort noch diese Art des Alltags denkbar war. Das Handling der Maske ist selbstverständlich geworden, auch beim Schlangestehen hat uns der Engländer nichts mehr voraus.

Da das Telefonieren mit Maske schwierig ist, gibt es nun auch wieder Gespräche zu belauschen. Ein älterer Herr und eine Dame treffen aufeinander. „Ja grüß Dich“, ruft er, man habe sich lang nicht mehr gesehen. „Wie geht es Dir?“, sagt sie und er seufzt schwer. „Du hast es gut, ich habs mit der Lunge, ich bin Risiko“, sagt er und sie antwortet: „Ich bin fast blind.“ „Aber du hast mich kennt“, sagt er und sie: „An der Stimme.“ Keiner stellt weitere Fragen, es steht 1:1 im Vergleich des Schreckens und recht fröhlich geht man auseinander.

Die Zeit gebietet lapidare Feststellungen, das Lamentieren bringt keine Punkte mehr. „Ich hatte den schlimmsten Sturz seit 1962“, sagt jemand, der sich für einen Vierzehnjährigen und unverwundbar gehalten hat. „Zeit is worden“, ist die knappe Antwort, die weitere Klagen hintanhält.
Klagen haben sich auch bei allem, was mit Schule zu tun hat, erübrigt.

Das Jahr soll einfach irgendwie positiv beendet werden. Jene, die gut waren, sind es auch unter verschärften Bedingungen. Jene, die nicht so gut waren, sind noch weniger gut geworden. Es gibt wenige Grauzonen, vor allem nicht in der Mathematik, wo ein Winkel, der „komplementär“ ist, eben nicht „komfortabel“ heißt. Auch wenn es mehr Zauber hat als jede Formel, falsch bleibt es trotzdem. Die Naturwissenschaften und ihre nackte Sachlichkeit sollen aber auch einmal Pause haben, die Poesie stand lang genug in der Schlange und darf nun auch einmal wieder dran.

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com