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Junge Forschung

Nicht sexy, aber sehr spannend

Sympathisches Erfolgsrezept: Christian Neureiter versucht, „nicht die schlauste Person im Raum zu sein, aber den Raum mit schlauen Menschen zu füllen“.
Sympathisches Erfolgsrezept: Christian Neureiter versucht, „nicht die schlauste Person im Raum zu sein, aber den Raum mit schlauen Menschen zu füllen“.wildbild
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Den Salzburger Christian Neureiter faszinieren hochkomplexe Systeme. Das Spektrum möglicher Anwendungen reicht von der Energieversorgung bis zum autonomen Fahren.

Früher hat man beim Bau eines Hauses einfach einen Plan gezeichnet. Doch mit der Zeit entwickelten sich die Systeme weiter, aus Plänen wurden CAD-Modelle, heute arbeitet man mit Animationen und virtuellen Räumen, um sich sein künftiges Zuhause noch besser vorstellen zu können. So wie beim Hausbau ist es in fast allen Bereichen unseres Lebens: Es wird komplexer und vernetzter. So komplex – wie etwa im smarten Energiesystem –, dass man neue Methoden braucht, um solche Systeme zu bauen und deren Dynamik zu verstehen, damit sie verlässlich funktionieren.

In diesem Feld forscht Christian Neureiter. Der 40-jährige Salzburger leitet an der FH Salzburg das 2020 neu gegründete Josef Ressel Zentrum (JRZ) for Dependable System-of-Systems Engineering. Es befasst sich mit modellbasierten Entwicklungsmethoden, die eine ganzheitliche Betrachtung komplexer Systeme ermöglichen und damit einen verlässlichen Betrieb gewährleisten. „Das Thema ist nicht sexy, aber es ist eine unheimlich spannende Nische“, sagt Neureiter. Und es ist sehr relevant, weil in unserer zunehmend vernetzten Welt solche Systeme fast überall zu finden sind: die dezentralisierte Energieversorgung mit ihren intelligenten Netzen gehört genauso dazu wie autonomes Fahren, Smart Cities oder alles, was unter dem Stichwort Industrie 4.0 läuft. Deshalb ist das JRZ thematisch breit aufgestellt.

 

Eine Verkettung glücklicher Umstände

Es baut auf der Arbeit des ehemaligen Zentrums für sichere Energieinformatik bzw. eines Vorgänger-JRZ auf, das sich aus der Sicht der Nutzer mit Datenschutz, Sicherheit und Kontrolle von Smart Grids befasste. Neureiter war mit seiner Expertise von Anfang an dabei. Dabei wollte er ursprünglich gar nicht in die Forschung. Dass er schließlich doch dort gelandet ist und nun Forschung und anwendungsorientierte Praxis optimal verbinden kann, bezeichnet er „als Verkettung glücklicher Umstände“. Nach dem Abschluss einer HTL für technische Informatik und einer Beschäftigung als Softwareentwickler studierte er in Graz Telematik. Neben dem Studium war er am Aufbau eines kleinen Entwicklungsteams beteiligt. Mit der Rückkehr nach Salzburg wechselte Neureiter zur Salzburg AG, die damals eine Smart Grid Modellregion erprobte. Dadurch ergab sich das Angebot, an das neu gegründete JRZ for User-Centric Smart Grid Privacy, Security and Control zu wechseln. „Es war für mich die perfekte Kombination aus industrieller Anwendung, Forschung und Hochschullehre“, erzählt Neureiter, der sich in seiner Dissertation an der Uni Oldenburg mit dem Aufbau von sicheren System-Architekturen von Smart Grids befasst hat. Daneben gründete er ein Unternehmen, das ebenfalls unter dem Aspekt vernetzter und komplexer Systeme Trainings für Führungskräfte anbietet. „Es ist kein gerader Weg“, sagt er über seine Karriere. Aber so könne er die Forschung ideal mit der industriellen Anwendung verbinden. „Die vielen Sachen, die ich mache, sind nicht verschiedene Baustellen, sondern sie ergänzen sich und ergeben viele Synergien.“

Was aber kann man sich als Laie unter seiner Forschung vorstellen? Das erläutert er am Beispiel Smart Grids, wo traditionelle Stromnetze mit neuesten Informations- und Telekommunikationstechniken verbunden werden. Zwei Welten, die aufeinander treffen, aber gemeinsam funktionieren müssen. Dabei sind die technischen Aspekte die eine Seite, die menschlichen die andere. „ Sicherheit und Verlässlichkeit lassen sich durch Design und Struktur bauen, am Ende geht es aber um die Menschen, die damit arbeiten und die sich verstehen müssen“, sagt Neureiter. Der Elektrotechniker und die Softwareingenieurin sprechen unterschiedliche Sprachen und gehen bei der Lösung einer Aufgabe anders vor. „Wir versuchen, mithilfe eines Modells eine gemeinsame Sicht auf das System zu entwickeln“, so Neureiter.

Die Fragen werden dem Forscher in seiner unsexy Nische so schnell nicht ausgehen. Um sie zu lösen, setzt er auf Teamarbeit und Förderung von Talenten. „Ich versuche nicht die schlauste Person im Raum zu sein, aber den Raum mit schlauen Menschen zu füllen“, lautet sein Credo als Führungskraft.

ZUR PERSON

Christian Neureiter (40) hat nach der HTL als Softwareentwickler gearbeitet. Nach Stationen in der Industrie wechselte er an die FH Salzburg. In seiner Dissertation befasste er sich mit dem Aufbau sicherer System-Architektur von Smart Grids. Modellen, um vernetzte, hochkomplexe Systeme besser zu verstehen und zu betreiben. Dabei geht es für ihn immer auch um den Faktor Mensch.

Alle Beiträge unter:diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2021)