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Wort der Woche

Ökomodernismus

Als Gegenbewegung zur Nachhaltigkeit postuliert der Ökomodernismus, dass die meisten Umweltprobleme rein technologisch gelöst werden könnten.

Tierzucht geht nicht nur mit Tierleid einher, sondern hat auch negative Folgen für Umwelt und Klima. Daher hängen immer mehr Menschen der Vision an, Fleisch- und Milchprodukte nicht mehr von Tieren zu gewinnen, sondern in Zellkulturen im Labor zu erzeugen. Dann würden alle mit Tierhaltung verknüpften Probleme verschwinden. Manche Denker gehen nun einen Schritt weiter: Um Klimawandel und Artensterben in den Griff zu bekommen, sollten in Zukunft auch pflanzliche Nahrungsmittel aus dem Labor kommen, meint etwa der Transformationsforscher Oliver Stengel (Hochschule Bochum). „Die Land- und Viehwirtschaft sind zusammengenommen das Problem, das gelöst werden muss“, schreibt er in seinem Buch „Vom Ende der Landwirtschaft“ (Oekom, 239 S., 20,90 €). Die nicht mehr für die Lebensmittelproduktion benötigten Flächen könnten dann der Natur zurückgegeben werden.

Stengel erweist sich mit diesem Gedanken als ein Vertreter des „Ökomodernismus“ – einer Denkrichtung, die am kalifornischen Breakthrough Institute entwickelt wurde und ein radikaler Gegenentwurf zur nachhaltigen Nutzung von Ressourcen ist: Vertreter der Nachhaltigkeit sind überzeugt, dass wir unsere Lebens- und Wirtschaftsweise so anpassen müssen, dass sie im Einklang mit der Natur stehen und deren Grenzen nicht überfordern. Im „Ecomodernist Manifesto“ heißt es dagegen, dass die Aktivitäten des Menschen – v. a. Land- und Forstwirtschaft, Energiegewinnung, Bergbau und Siedlungstätigkeit – mithilfe moderner Technologien intensiviert werden sollten, um unseren Einfluss auf die Natur zu senken bzw. der Natur mehr Raum zu geben (www.ecomodernism.org).

An dieser Ansicht wird – zu Recht – kritisiert, dass sie mehr mit Science-Fiction zu tun hat als mit Wissenschaft. Das zeigt sich auch in Stengels Buch, das bisweilen eine halb gare Mischung aus Halbwissen und naiver Fortschrittsgläubigkeit ist. Krass ist das z. B. bei Fantasien, der Mensch könne in absehbarer Zeit die pflanzliche Fotosynthese technisch nachahmen; an der direkten Umwandlung von Sonnenenergie in Biomasse beißen sich Forscher schon seit Jahrzehnten die Zähne aus . . .

Allerdings sollte man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten: So abstrus der Ökomodernismus auch klingen mag – diese Visionen sind es dennoch wert, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Denn um der fortschreitenden Zerstörung unseres Planeten entgegenwirken zu können, werden wir beides benötigen: Nachhaltigkeit und Technologien.


Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

meinung@diepresse.com

www.diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2021)