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Zwischentöne

Am Beispiel von „Sacre du printemps“: Eine Erfolgsgeschichte

In Wien dauern die Dinge oft ein wenig länger. Dafür tut man dann gern, als hätte man immer schon alles von vornherein gewusst.

Vom unverhohlenen Protest bis zum enthusiastischen Übergang von rhythmischer Ekstase in jubelnden Applaus dauerte es in Wien knapp vier Jahrzehnte: Seit der Wiedergabe im Jahre 1950 galt Igor Strawinskys „Sacre du printemps“ auch in Wien als Effekt-Stück, das eher Publikum anlockte, als dass es Menschen aus den Konzertsälen vertrieb. Ein Vorzeigestück, das zum Beweis der These dienen konnte, dass große Kunst oft zunächst unverstanden bleibt, ehe sie für den Kanon der Meisterwerke approbiert wird.

Doch hat der Komponist selbst in einem TV-Interview an seinem 75. Geburtstag bekannt: Auftraggeber Serge Diaghilev sei verärgert gewesen, dass schon die erste Konzert-Aufführung nach der skandalösen Uraufführung von Nijinskys Ballett ein Sensationserfolg war und man ihn auf Händen aus dem Konzertsaal trug.


In Wien dauert ja alles immer ein bisschen länger. Dirigiert hat übrigens beide Pariser Aufführungen Pierre Monteux, der Kapellmeister der Ballets Russes, der am Premierenabend im Théâtre des Champs-Elysées (wohl als Einziger im Saal) Nerven bewahrte und die Aufführung trotz heftigster Störaktionen musikalisch zu Ende brachte. Monteux blieb einer der besten Exegeten der lange Zeit als äußerst kompliziert geltenden Partitur.
Er hat „Sacre“ schon Ende der Zwanzigerjahre für Schellackplatten eingespielt – eine Aufnahme, die heute (auf Pristine Classics) wieder greifbar ist und den stürmischen Charakter der Musik so bewahrt, dass man trotz aller technischer Mängel ein wenig vom revolutionären Atem der Uraufführung zu spüren meint.

Später war jener Dirigent, der 1950 dem Werk in Wien zum Durchbruch verhalf, Igor Markevitch, vielleicht der beste Anwalt dieser Musik: Nach wie vor ist der Livemitschnitt von einem Konzert des London Symphony Orchestras unter Markevitchs Leitung vom Edinburgh Festival 1962 die vielleicht impulsivste Umsetzung von Strawinskys Notentext – von der BBC live mitgeschnitten und ein Dokument für jene nahtlose Verwandlung ekstatischer Musik in einen Aufschrei der Publikumsbegeisterung, wie ihn der Wiener Rezensent von 1950 zu beschreiben versuchte.

Die Wiener Philharmoniker, die übrigens mit „Feuerwerk op. 4“ schon 1922 unter Felix Weingartner erstmals Strawinsky gespielt hatten, machten drei Jahre nach dem Tod des Komponisten eine grandiose „Sacre“-Aufnahme unter Lorin Maazel. Da gehörte auch dieses radikalste Werk bereits zum Dauer-Repertoire. Nicht zuletzt gepflegt von Dirigenten wie Pierre Boulez, der schon Anfang der Fünfzigerjahre – ganz gegen den avantgardistischen Zeitgeist – verkündet hatte, Strawinsky sei für die Moderne wichtiger als Arnold Schönberg.

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com