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Lohnkampf

Mehr Geld durch Stornierung: Wie US-Lieferanten den Algorithmus austricksen

A delivery person for Doordash rides his bike in the rain during the coronavirus disease (COVID-19) pandemic in the Manhattan borough of New York City
Das Online-Forum #DeclineNow soll beispielsweise DoorDash-Lieferanten in den USA helfen, besser entlohnt zu werden.REUTERS
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In den USA haben sich Lieferservice-Fahrer zusammengeschlossen, um ihre prekäre Arbeitslage zu verbessern. Sie haben erkannt, dass sie mehr verdienen können, wenn Lieferfahrten abgelehnt werden. Wie ist das möglich?

Der Beruf des Lieferservice-Fahrers ist nicht gerade für seine attraktive Entlohnung bekannt. In den USA ist die Lage für diese Berufsgruppe besonders prekär. Um dies zu ändern, haben sich die Lieferanten zusammengeschlossen, um den Algorithmus der Lieferdienste auszutricksen. Auch Dave Levy und Nikos Kanelopoulos versuchen, den Algorithmus auszutricksen. Die zwei in den USA für DoorDash tätigen Fahrer wollen ihre Kollegen davon überzeugen, mit ihnen gemeinsam die am schlechtesten bezahlten Restaurant-Lieferaufträge abzulehnen. Damit würden sie nämlich das System, welches Fahrern Aufträge zuordnet, dazu bringen die angebotene Entlohnung zu erhöhen. „Das Ziel jedes App-basierten On-Demand-Unternehmens ist es, die Gewinne ständig vom Fahrer zurück zum Unternehmen zu verlagern”, sagt Levy. „Unser Ziel ist das Gegenteil davon.”

Ihr Hauptwerkzeug ist #DeclineNow, ein Online-Forum mit 40.000 Mitgliedern, das einen Einblick in die Art von Arbeiter-Aktivismus bietet, der auf die Gig Economy zugeschnitten ist. Obwohl es keine verlässliche Möglichkeit gibt, die Wirksamkeit zu quantifizieren, sagen die Mitglieder von #DeclineNow, dass sie bereits die Löhne für Arbeitskräfte im ganzen Land erhöht haben, einschließlich im Lehigh Valley in Pennsylvania, wo Levy und Kanelopoulos leben. Aber ihr Kampf wirft schwierige Fragen über das Wesen von Kollektivmaßnahmen auf und es ist zweifelhaft, ob es eine langfristig vielversprechende Strategie ist, die Software eines Unternehmens gegen das Unternehmen selbst zu wenden.

Gemeinsame Zeit bei Uber

DoorDash Inc. ist nicht der erste algorithmische Chef von Levy und Kanelopoulos. Die Männer lernten sich 2015 kennen, als sie auf dem Parkplatz des örtlichen Flughafens auf Uber-Fahrgäste warteten. „Damals waren die Preise noch gut”, sagt Kanelopoulos, dessen Name immer noch als „Nick Uber” in Levys Telefon gespeichert ist. Doch ihre Einnahmen aus der Tätigkeit für Uber Technologies Inc. sanken, als die App des Unternehmens die Tarife senkte und die Bezahlung auf ein kaum noch existenzsicherndes Niveau drückte. Levy und Kanelopoulos arbeiteten für mehrere Gig-Economy-Plattformen, experimentierten mit Strategien, um das höchste Einkommen aus ihnen herauszuholen, und veranstalteten Treffen von Gig-Arbeitern im Wind Creek Casino in Bethlehem, Pennsylvania, um sich auszutauschen.

Lücke im Algorithmus erkannt

Die beiden stellten fest, dass, wenn ein DoorDash-Fahrer eine Lieferung ablehnte, die Plattform sie einem anderen für etwas mehr Geld anbot. Da sie als unabhängige Unternehmer nicht verpflichtet waren, diese Aufträge anzunehmen, dachten sie sich, dass Dasher sich zusammenschließen könnten, um de facto einen Mindestlohn festzulegen. In einem relativ kleinen Markt wie dem Lehigh Valley brauchte es nicht viele Leute, die schlecht bezahlte Jobs ablehnten, um eine deutliche Wirkung zu entfalten. „Dann sagte ich: ‘Das ist es. Das ist der Name. Warum nicht einfach Decline Now?’”, sagte Levy. Im Oktober 2019 starteten sie die Facebook-Gruppe #DeclineNow. Sie fordern die Mitglieder auf, jede Lieferung abzulehnen, die nicht mindestens 7 Dollar bringt, mehr als das Doppelte der aktuellen Untergrenze von 3 Dollar.

In einer Erklärung sagte DoorDash, dass es den Fahrern immer freistehe, Aufträge abzulehnen, fügte aber hinzu, dass ein koordiniertes Ablehnen den Lieferprozess verlangsame. Das Unternehmen ermutigt seine Mitarbeiter, mindestens 70% der angebotenen Lieferungen anzunehmen, was ihnen den Status „Top Dasher” einbringt. #DeclineNow dreht auch dieses Prinzip um: für die Aktivisten sind niedrige Annahmequoten quasi ein Ehrenabzeichen. Levy erteilt etwa 99% der ihm angebotenen Jobs eine Abfuhr und lehnt schlecht bezahlte Aufträge schnell ab, um genügend lukrative zu finden.

Eine weitere Taktik des Unternehmens, Verweigerer zu entmutigen, ist die Verschleierung des vollen Betrags, der für jeden Auftrag gezahlt wird. Fahrern fällt es schwerer, wählerisch zu sein, wenn etwa das Trinkgeld nicht offengelegt wird. Diese und andere intransparente Praktiken haben dazu geführt, dass kritische Beschäftigte die DoorDash-App als „Tonys Casino” bezeichnen, eine Anspielung auf Chief Executive Officer Tony Xu.

Spaltet #DeclineNow die Belegschaft?

Die Strategie von #DeclineNow, Bestellungen selektiv abzulehnen, ist unter DoorDash-Mitarbeitern bekannt – und nicht überall akzeptiert. Einige stellen die strenge Regel zur Mindestgebühr in Frage und verweisen auf regionale Preisunterschiede. Andere finden #DeclineNow-Aktivisten gehässig und belastend und werfen dem Forum vor, andere lächerlich zu machen und einzuschüchtern, damit sie sich ihrem Willen beugen. „Sie geben Informationen als Fakten aus, ohne sie zu untermauern”, sagt Amy Lee, eine DoorDash-Fahrerin in den Vororten von Dallas, die die Gig-Economy-Seite PavementGrinders betreibt. „Dann demütigen sie öffentlich jeden, der das nicht versteht oder dem nicht zustimmt.”

#DeclineNow hat ähnlich wenig Verständnis für solche Miesmacher wie traditionelle Gewerkschaften für Streikbrecher. Wer die 7-Dollar-Mindestregel in Frage stellt, wird mit dem Ausschluss aus der Gruppe bestraft oder, wie es die Moderatoren der Gruppe gerne ausdrücken, „mit einem Ausflug in den Kerker.” Eine ehemalige Moderatorin, Josie Lindström, behauptet, persönlich Hunderte von Leuten suspendiert zu haben, denn Intoleranz gegenüber Andersdenkenden sei notwendig, um die Gruppe in die richtige Richtung zu bringen. „Es müssen alle mitmachen, sonst funktioniert es nicht”, sagt sie. Dennoch kündigte Lindström schließlich, weil sie die Atmosphäre als unerträglich empfand.

Veena Dubal, eine Rechtsprofessorin an der UC Hastings Law School, deren Forschung sich auf die Erfahrungen von Arbeitnehmern in der Gig-Economy konzentriert, hält die Bloßstellung für einen Teil des Erfolgs von #DeclineNow. „Es ist tatsächlich ziemlich schwer, Menschen dazu zu bringen, sich an diese Art von Kollektivmaßnahmen zu halten, wenn es nicht auch irgendwelche Konsequenz gibt”, sagt sie.