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Bei US-Amazon soll erste Gewerkschaft entstehen

FILE PHOTO: Congressional delegation to Amazon plant
Auch eine Delegation des US-Kongresses - hier mit Transparenten begrüßt - kam, um die Wahl zu unterstützen.(c) REUTERS (DUSTIN CHAMBERS)
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Eine historische Wahl hat in einem Amazon-Lager in Alabama stattgefunden - denn mit ihr könnte es endlich eine Gewerkschaft beim zweitgrößten Arbeitgeber des Landes geben.

Bei der Abstimmung über die Bildung einer Arbeitnehmervertretung haben mehr als die Hälfte der Beschäftigten eines Amazon-Logistiklagers im US-Staat Alabama ihre Stimme abgegeben. Die Wahlbeteiligung liege bei 55 Prozent, teilte die Gewerkschaft für Dienstleister im Groß- und Einzelhandel RWDSU mit. Es wäre die erste US-Gewerkschaft bei dem weltgrößten Online-Händler in der rund 27-jährigen Geschichte des Konzerns.

Die Auszählung der Stimmen werde voraussichtlich am Donnerstagnachmittag (Ortszeit) beginnen, hieß es. Die Richtigkeit von Hunderten von Wahlzetteln sei mehrheitlich von den Arbeitgebern bereits angezweifelt worden. Amazon reagierte zunächst nicht auf eine Anfrage zur Stellungnahme.

Immer wieder wird der weltgrößte Online-Händler wegen seiner Arbeitsbedingungen kritisiert, in Europa ist das Verhältnis angespannt, in Deutschland etwa gab es zuletzt um die Ostertage Streiks. In den USA jedoch gibt es bis jetzt gar keine gewerkschaftliche Vertretung, obwohl Amazon dort nach Walmart der zweitgrößte Arbeitgeber ist.

Zuspruch von Biden und anderen Prominenten

Insofern ist diese Wahl in bei rund 6.000 Beschäftigten eines
Logistiklagers in Bessemer im südöstlichen US-Bundesstaat Alabama
eine historische Wahl. Sie könnte die erste US-Gewerkschaft bei Amazon entstehen lassen. Beim Wahlkampf erhielt die Gewerkschaft bereits Unterstützung von Spitzenpolitikern bis hin zu Präsident Joe Biden und etlichen anderen Prominenten.

Durch das Briefwahlverfahren wegen der Pandemie hat sich die Wahl zwei Monate lang hingezogen. Amazon hatte versucht, das Votum zu verzögern, war jedoch mit einem Einspruch bei der Arbeitnehmerschutzbehörde abgeblitzt.

Der Bezos-Konzern brüstet sich in einer Stellungnahme zum Thema mit einem der im Branchenschnitt höchsten Löhne, umfassenden Nebenleistungen ab dem ersten Tag im Job sowie Karrieremöglichkeiten und einem sicheren und modernen Arbeitsumfeld. Tatsächlich hat Amazon seine Bezahlung in den USA deutlich angehoben, doch gerade in den Logistikzentren klagen Beschäftigte immer wieder über das hohe und strapaziöse Arbeitspensum sowie über angebliche Überwachung. Wie feindlich sich die Parteien gegenüberstehen, zeigte sich in den letzten Tagen. Auf der Zielgeraden wurde der Wahlkampf noch einmal so richtig schmutzig - und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.

Müssen Beschäftigte in Flaschen pinkeln?

"Mitarbeitern 15 Dollar (12,7 Euro) Stundenlohn zu zahlen, macht einen nicht zu einem 'fortschrittlichen Arbeitsplatz', wenn man gegen Gewerkschaften vorgeht und Beschäftigte in Wasserflaschen urinieren", twitterte Marc Pocan am Mittwoch. Damit spielte der Abgeordnete der demokratischen Partei auf seit Jahren kursierende Berichte an, denen zufolge einige Amazon-Lieferfahrer aufgrund der enormen Arbeitsbelastung mitunter keine Zeit finden, auf die Toilette zu gehen. Der Konzern schoss in ungewöhnlich scharfem Ton zurück: "Sie glauben nicht wirklich die Sache mit dem in die Flasche Pinkeln?", konterte Amazon umgehend via Twitter. "Wenn das wahr wäre, würde niemand für uns arbeiten."

Amazons brüske Reaktion rief unter anderem einen Journalisten von "Buzzfeed" auf den Plan, der Dienstanweisungen einer für Amazon tätigen Lieferfirma ins Netz stellte, in denen Fahrer dazu aufgerufen wurden, "Urinflaschen" nach Schichtende aus ihren Vans zu entsorgen. Tags darauf veröffentlichte das Investigativportal "The Intercept" geleakte Dokumente einer Amazon-Logistics-Managerin, in denen unter anderem klargestellt wird, dass keine Sackerln mit "menschlichen Fäkalien" in den Lieferzentren geduldet werden. Amazon äußerte sich dazu auf Nachfrage zunächst nicht.

Rund 85 Prozent Schwarze im Alabama-Lager

Die Auseinandersetzung darüber, wo und wie Lieferfahrer ihre Notdurft verrichten, dürfte sich das Unternehmen so kurz vor dem Ende der Abstimmung gern erspart haben. Die ganze hässliche Diskussion im Internet mag bezeichnend sein, doch einer Analyse der Washingtoner Denkfabrik Brookings nach geht es in Bessemer um viel mehr als Arbeitsbedingungen. Sollten sich die Mitarbeiter der RWDSU anschließen, wäre dies "einer der größten Siege der Gewerkschaften im Süden seit Jahrzehnten, der die Arbeiterbewegung wachrütteln und weit über Alabama hinaus inspirieren könnte", heißt es in der Studie. Die Abstimmung drehe sich auch stark um Würde und Gleichberechtigung.

Bei Amazon in Bessemer seien geschätzte 85 Prozent der Mitarbeiter Schwarze, die in den USA ohnehin einen überproportionalen Anteil der "Frontline Worker" ausmachten, die in der Pandemie unsichere, aber gesellschaftlich wichtige Jobs im Niedriglohnsektor ausführten. Während diese Menschen in der Coronakrise ihre Leben riskierten, habe Amazon seinen Profit 2020 um 84 Prozent und seinen Aktienkurs um 82 Prozent gesteigert, schreiben die Brookings-Forscher. Das Privatvermögen von Jeff Bezos sei im Coronajahr um 67,9 Milliarden Dollar gewachsen - das sei das 38-Fache der gesamten Gefahrenzulagen, die Amazon seinen Beschäftigten in der Pandemie gezahlt habe.

(apa/red.)