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Niederösterreich

Nach Bluttat in Gerasdorf: 14 Jahre Haft für Leibwächter

Das Einsatzkommando Cobra bewachte den Prozess um die Bluttat in Gerasdorf. Im Gerichtsgebäude war das Fotografieren verboten.
Das Einsatzkommando Cobra bewachte den Prozess um die Bluttat in Gerasdorf. Im Gerichtsgebäude war das Fotografieren verboten.APA/ORF/Gernot Rohrhofer
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Der Tschetschene, der versucht haben soll, den Killer zu erschießen, wurde im Landesgericht Korneuburg verurteilt.

Am 4. Juli 2020 wurde Mamichan Umarow, Exil-Blogger und Kritiker des tschetschenischen Despoten Ramsan Kadyrow, im niederösterreichschen Gerasdorf erschossen. Am Donnerstag wurde der frühere Leibwächter des Getöteten im Landesgericht Korneuburg zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt. Er soll versucht haben, den flüchtenden Attentäter durch Schüsse zu ermorden. Der Killer selbst soll erst später seinen Prozess bekommen.

Der 37-jährige Angeklagte Ahmed A. bestritt den Vorwurf bis zuletzt. Er habe den Schützen nicht umbringen wollen, er habe nur versucht, einen Reifen des Fluchtfahrzeugs zu treffen. Allerdings funktionierte seine Faustfeuerwaffe nicht.

Die Vorgeschichte: Umarow, alias „Anzor“, lebte seit 15 Jahren in Österreich. Er nahm den Namen Martin B. an. Und war ein Informant des Wiener Landesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung. Der 43-Jährige begab sich zuletzt als Blogger in die Öffentlichkeit und tat sich dabei als harter Kadyrow-Kritiker hervor. Auf YouTube stieß er wüste Beschimpfungen aus. Ein riskantes Unterfangen, da schon zuvor gut ein Dutzend Exil-Tschetschenen dem Rachefeldzug von Kadyrow zum Opfer gefallen sein sollen. Obwohl Umarow also befürchten musste, sein Leben zu gefährden, lehnte er Polizeischutz ab. Er ließ sich vom nunmehr angeklagten Ahmed A. – dieser ist ebenfalls Kadyrow-Kritiker – begleiten.

Ein tödliches Tauschgeschäft

Ahmed A. war daher auch am Tattag auf einem Firmengelände vor den Toren Wiens an der Seite von Umarow. Dieser hatte sich dort mit dem Tschetschenen Sar-Ali A. (47) verabredet, einem Mann, der als Flüchtling nach Oberösterreich gezogen war. Insgesamt leben in Österreich relativ viele, nämlich um die 30.000 Tschetschenien-Flüchtlinge.

Bei dem Treffen sollte es um ein Tauschgeschäft gehen. Umarow hätte eine Pistole, eine Glock, bekommen wollen – angeblich hätte er im Gegenzug einen alten BMW geboten. Leibwächter Ahmed A. hatte erfolglos versucht, dem Videoblogger das Treffen auszureden. Während der Zusammenkunft versteckte sich der 37-Jährige dann in Absprache mit „Anzor“ in einiger Entfernung hinter einem Fahrzeug.

Dort positioniert, war Ahmed A. außerstande rechtzeitig einzugreifen, als Sar-Ali A. eine Waffe zog und auf Umarow feuerte. Der nunmehrige Beschuldigte hörte die Schüsse, doch als er das Auto von Martin B. erreichte, lag der Mann bereits tot auf der Beifahrerseite. Der mutmaßliche Schütze fuhr mit seinem Auto davon. Weil die Pistole defekt war, konnte Ahmed A. den Flüchtenden nicht stoppen, obwohl das sein erklärtes Ziel war, denn: „Ich wusste, dass unweit von dieser Stelle die Autobahn ist. Die tschechische Grenze ist nicht weit von dort.“

Aus der Tokarev M57-Pistole, die der 37-Jährige zuvor auf dem Gerasdorfer Gelände extra getestet hatte, brach kein Schuss. Eine ballistische Untersuchung brachte später Aufschluss: Eine erste Patrone war aufgrund ihres Alters von etwa 35 Jahren und wegen Feuchtigkeit defekt. Der Beschuldigte lud erneut durch, wobei sich die kaputte Patrone verkeilte und die Waffe unbrauchbar machte.

Der Beschuldigte: „Ich zielte auf das Auto. Ich habe versucht, auf das Rad zu schießen.“ Der mutmaßliche Killer Sar-Ali A. wurde wenige Stunden später in Linz festgenommen.

„Am Kopf verletzt“

Nach seinen Schussversuchen will Ahmed A. gesehen haben, „dass mein Freund auf der Erde liegt“. Weiter: „Als ich näher an ihn herankam, habe ich gesehen, dass er am Kopf verletzt ist. Für mich war schon klar, dass mein Freund jetzt umgebracht worden ist.“

In seinem Schlussvortrag bezeichnete der Staatsanwalt die Angaben des Beschuldigten zur Schussabgabe als unglaubwürdig. Zudem hätte der 37-Jährige die Waffe nicht ziehen müssen: „Die Strafverfolgung war auch so gesichert.“ Die Anklage umfasste außer Mordversuch auch unbefugten Besitz von Schusswaffen und einen Verstoß gegen das Verbotsgesetz, weil Fotos mit Bezug zum Nationalsozialismus auf dem Rechner des Leibwächters gefunden worden waren.

Anders sah dies der Verteidiger. „Die Staatsanwaltschaft hat keine Beweise“, betonte der Anwalt in seinem Plädoyer erneut. Herauskommen müsse „ein glatter Freispruch“. Der Jurist führte das in der Strafprozessordnung festgehaltene Anhalterecht ins Treffen, das auch schwere Körperverletzungen abdecke.

Das Urteil der Geschworenen, 14 Jahre Haft, ist noch nicht rechtskräftig.

(m. s./APA)