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Zoologie

Was Affen mehr Toleranz lehrt

Nicht immer leben Rhesusaffen so harmonisch zusammen wie diese beiden in Bangladesch.APA
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Nach einem verheerenden Hurricane suchten Rhesusaffen auf Puerto Rico neue Kontakte und waren netter gegenüber Fremden.

Im September 2017 wütete ein Hurricane namens Maria über der Karibik und forderte 3000 Menschenleben. Auch die Wälder und Strände auf der Puerto Rico vorgelagerten kleinen Insel Cayo Santiago waren verwüstet. Dort leben viele Rhesusaffen, die schon davor ein beliebtes Studienobjekt von Zoologen waren. Nach dem Sturm hatte ein Team um Camille Testard von der University of Pennsylvania den Eindruck, dass sich das Sozialverhalten der Tiere verändert habe. Die Forscher stellten eine gezielte Untersuchung mit einzelnen Tieren an, die ihren Eindruck bestätigt (Cell Press, 8. 4.).

Die Affen erweiterten ihr soziales Umfeld, traten in Kontakt zu Artgenossen, mit denen sie vor dem Sturm nichts zu tun haben wollten. Sie zeigten sich auch gegenüber fremden Kollegen „toleranter“. Vor der Naturkatastrophe hätten sie etwa sehr aggressiv darauf reagiert, wenn sich ein anderer Rhesusaffe neben sie auf das schattige Plätzchen gesetzt hätte, das sie für sich reserviert hielten. Das passt zum Naturell dieser Art, die zwar gesellig, aber auch sehr kompetitiv und streitlustig ist. Nach den Verwüstungen waren die Affen viel eher bereit, ihre Ressourcen zu teilen, sogar mit früheren Konkurrenten.

Dieser Gesinnungswandel kam für die Forscher überraschend. Sie hätten eher erwartet, dass diese Tiere aus der Gattung der Makaken nach dem kollektiven Schicksalsschlag enger zusammenrücken, sich noch stärker an die gewohnten Verbündeten in ihrer Gruppe halten. Stattdessen stellten sie sich sozial „breiter auf“, übten eine Art „Schulterschluss“, wie durch das Leid geeint. Diese Interpretation klingt zwar verdächtig anthropomorph. Aber hier könnte sie eine Berechtigung haben. Denn bei Menschen sind nach kollektiven Katastrophen sehr ähnliche Veränderungen im Verhaltensmuster beobachtet worden.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.04.2021)