Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl
Kolumne zum Tag

Ein Zimmer mit Aussicht auf Sonne und Meer

(c) Clemens Fabry
  • Drucken
  • Kommentieren

An guten Tagen verknüpft man den Fluch mit ein bisschen Literatur, während eine freie Fläche für den Computer gesucht wird, von Ruhe träumt ohnehin keiner mehr.

Ein Zimmer für sich allein sei die Voraussetzung für so ziemlich alles, schrieb Virgina Woolf, und wenn sie noch lebte, hätte sie ständig Schnackerl, weil so viele diesen Satz in sich rotieren spüren: A Room of One's Own! Von einem Zimmer mit Aussicht gar nicht zu reden. Sie sollten wieder einmal aus dem Regal genommen werden, die Romane von E. M. Forster, nicht nur zum Abstauben.

Mangels Aussicht erfreuten sich lang die Webcams von Berggipfeln großer Beliebtheit, aber nun reicht es mit dem Schnee, jetzt kommen die Kameras dran, die den Ozean zeigen und endlose Strände. Es ist ein bisschen schrullig, diese Art, fern zu sehen, aber es beruhigt, und durch den Live-Charakter fühlt man sich nicht wie in einem Selbstfindungsseminar mit zugespieltem Meeresrauschen, sondern ist fast selbst dort, kann pünktchengroßen Leuten zusehen, die spazieren gehen, in den Wellen hüpfen oder etwas sammeln. Es ist so eine charakteristische Bewegung, wenn jemand Steine sammelt oder Muscheln. Schritt, Schritt, scheinbar gedankenverloren, dann abrupter Stopp, bücken, Triumph.

Nur Steinesammler verstehen Steinesammler. Das kommt auf die lange Liste der Dinge, die wieder getan werden wollen. Die Hoffnung ist groß. Der Anblick der eingeschneiten Marillenbäume trübt die Aufbruchsstimmung nicht. Jedes Jahr dasselbe Spiel, zu früh geblüht, auf den Frühling gehofft und dann kalt erwischt. Die Narren machen es dennoch immer wieder, könnte man meinen.

Aber es sind gar keine Narren, genauso wenig wie jene, die jetzt einen Sommerurlaub buchen, auch wenn sie dann wieder Steine am Stausee sammeln. Nur die Zuversicht macht aus der grauen Häuserwand wogende grüne Wiesen. Auch wenn man auf Gräser allergisch ist, schön schauen sie aus.

friederike.leibl-buerger@diepresse.com
[RCWM9]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.04.2021)