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Medientage: Qualitätsjournalismus als "bedrohte Spezies"

"Wir haben es immer mehr mit einem geklonten Journalismus zu tun", sagte Frank Schirrmacher, Herausgeber der FAZ, bei den Österreichischen Medientagen.(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
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"Wir haben es immer mehr mit einem geklonten Journalismus zu tun", sagte Frank Schirrmacher, Herausgeber der FAZ, bei den Österreichischen Medientagen. Der Markt werde von einige wenige Giganten dominiert.

Ein trübes Bild der digitalen Gegenwart zeichnete Frank Schirrmacher, Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", am Mittwoch bei den Österreichischen Medientagen. Google, Facebook, Twitter und SMS würden die Köpfe der Journalisten und der übrigen Bevölkerung überladen. Viele kämen dabei nicht mehr mit, so Schirrmacher, der Ähnliches schon in seinem Buch "Payback" postulierte, sinngemäß. "Wir haben es immer mehr mit einem geklonten Journalismus zu tun." Die gleiche Nachricht, die gleiche Bewertung finde sich auf vielen digitalen Kanälen. Guter Qualitätsjournalismus habe deshalb eine "große Zukunft vor sich".

Schirrmacher verglich das Internet-Zeitalter mit der Hochphase des Kapitalismus im 19. Jahrhundert. Einige wenige große Giganten würden den Markt dominieren. Unterhalb der Schwelle Google würden sich in jedem Land weitere kleine Riesen aufbauen. Die traditionellen journalistischen Marken seien durch die Internet-Entwicklungen aber nicht in Mitleidenschaft gezogen worden. "Nichts spricht dafür", so Schirrmacher.

Qualität ist "natürlicher Feind der Reichweite"

Sorgen um die Zukunft des unabhängigen Journalismus prägten zuvor eine Diskussionsrunde zum Thema "Reichweite versus Qualität". Zunehmend bedroht sieht diese etwa Christian Pöttler vom Wiener Echo Medienhaus. Bedrohungspotenzial sieht Pöttler dabei "nicht mehr in der Politik, sondern im immer größeren Druck durch das Anzeigengeschäft". Qualität sei "der natürliche Feind der Reichweite" und ein "zunehmend teures Hobby von Menschen mit unterschiedlichen Motivationslagen", so Pöttler. "Ich fürchte, dass Qualität wirklich eine bedrohte Spezies ist - in dem Maße, in dem der Shareholder-Value in den Vordergrund tritt. Wir haben Eigentümersituationen, wo der Hauptanspruch ist, Umsatzrendite abzuwerfen."

"Standard"-Geschäftsführer Wolfgang Bergmann sprach von einem weit verbreiteten "Reichweitendiktat". Er habe den Eindruck, dass viele Menschen Qualität als gesellschaftspolitische Aufgabe gar nicht mehr wollen. In manchen Medienbereichen werde nur mehr auf die Quote geschielt. Dem "Standard" gehe es um Qualität. "Wir haben nicht Anspruch, die großen Massen zu erreichen."

"Heute"-Herausgeberin Eva Dichand sieht die "einzige Überlebenschance" in der Unverwechselbarkeit und Qualität von Medien. Qualität bedeute aber auch ein gutes Produkt für die Zielgruppe zu erstellen. "Wir haben 816.000 Leser. Das muss mir mal wer nachmachen in diesem Land." Die Gratiszeitung "Heute" sei inzwischen ein "Major Player" in der Bundeshauptstadt. Vor der anstehenden Wien-Wahl würden alle in "Heute" vorkommen wollen. Laut Dichand habe aber nicht nur der wirtschaftliche Druck, sondern auch der Wettbewerbsdruck unter den Medien selbst zugenommen. "Da werden Grenzen überschritten." Bezahlte redaktionelle Inhalte würden nicht gekennzeichnet, Auflagenzahlen frei erfunden. "Wir werden auch in Zukunft nicht mit 'Krieg auf Wiens Straßen' aufmachen, um uns ein paar Strache-Inserate zu erschnorren", so die "Heute"-Chefin in Anspielung auf die rauen Sitten am Wiener Boulevard.

ORF: Redaktion frei von Kundenwünschen

Die Wiener ORF-Landesdirektorin Brigitte Wolf bestätigte Spardruck, "natürlich" auch im ORF. Die Moderation von Radio Wien ende nun eben um 19.00 Uhr, danach werde Musik gespielt. "Ich muss die Kräfte, die ich noch habe und die immer weniger werden, auf die Prime Time fokussieren. In den Randzonen gibt's weniger", so Wolf. "Wir haben aber nicht diese Abhängigkeit von der Werbewirtschaft." Eingeschränkte Werbemöglichkeiten und ein rigides Redakteursstatut würden es gar nicht erst möglich machen, dass Wünsche von Anzeigenkunden in die Redaktion reingetragen werden. Für Wolf gehe es bei der Frage der Qualität vor allem darum, zum gesellschaftlichen Diskurs beizutragen. Um diesen ist die Landesdirektorin zunehmend besorgt.

Beim "Kurier" versucht man unterdessen Qualität auf zwei Schienen kommerziell umzusetzen, wie Geschäftsführer Thomas Kralinger erklärte. Zum einen versuche man ein journalistisch attraktives Produkt am Lesermarkt noch besser zu verkaufen. Daneben will man der zunehmenden Fragmentierung der Gesellschaft mit Produktergänzungen und Beilagen Rechnung zu tragen. Der Werbewirtschaft sollen so qualitativ hochwertige Zielgruppen zur Verfügung gestellt werden. "Wenn man einfach nur mit der Schrotflinte reinzielen möchte, um jemanden zu treffen, ist der 'Kurier' vielleicht nicht das richtige Medium. Wir müssen dem Werbemarkt stärker kommunizieren, was wir leisten können", so Kralinger.

(APA)