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Wort der Woche

Stickstoff

Nicht nur durch Düngemittel und Abwasser gelangen (zu) große Stickstoffmengen in die Ostsee, sondern auch durch die Luft.

Von Natur aus ist die Ostsee nährstoffarm. Romantische Autoren schwärmten einst vom klaren Wasser – man konnte den Meeresboden in zehn Metern Tiefe sehen. Das hat sich geändert. Oder besser gesagt: Das haben wir Menschen geändert. Seit es künstliche Düngemittel gibt, ist die Menge an Nährstoffen – v.a. von Stickstoff – in der Natur stark gestiegen, sodass es vielerorts zur Überdüngung kommt. Auch in den Meeren, wohin überschüssiger Dünger im Endeffekt ausgespült wird. Schlimm betroffen davon ist die Ostsee – ein Nebenmeer des Atlantiks, das fast ausschließlich von rund 200 einmündenden Flüssen gespeist wird und dessen Wasser daher einen niedrigeren Salz- und einen höheren Schadstoffgehalt als der Atlantik aufweist.

Der viele Stickstoff führt zur Massenvermehrung von Algen. Abgestorbene Zellen sinken dann zu Boden und werden unter hohem Sauerstoffverbrauch abgebaut. Dadurch bilden sich sogenannte „Todeszonen“, in denen keine Pflanzen und Fische (die Sauerstoff benötigen) mehr existieren können, sondern nur mehr anaerobe Bakterien. Rund ein Sechstel der Ostsee gilt derzeit als lebensfeindlich.

Das Problem wurde erkannt: 1974 unterzeichneten alle Anrainerstaaten die HELCOM-Konvention zum Schutz der Ostsee. Das zeigte Wirkung – v.a. nach dem Ende der Sowjetregime in Osteuropa, die sehr verschwenderisch mit Dünger umgingen, und durch den Bau von Kläranlagen. Der Höhepunkt des Stickstoffeintrags durch Flüsse waren fast 900.000 Tonnen im Jahr 1998; im Schnitt der letzten zehn Jahre waren es rund 620.000 Tonnen.

Es gibt aber noch eine zweite Seite: Laut einer Gruppe skandinavischer Forscher um Michael Gauss unter Beteiligung des Instituts für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg werden zusätzlich über die Luft 228.000 Tonnen Stickstoff pro Jahr (2018) eingebracht – jeweils zur Hälfte in Form von Stickoxiden aus Motoren und von Ammoniak aus der Tierzucht. Diese Gase werden vom Wind herantransportiert und vom Regen ausgewaschen. Hauptverursacher sind Deutschland, Polen und Dänemark, gefolgt vom Schiffsverkehr auf der Ostsee (Atmospheric Environment 253, 118377).

Diese Einträge sind in jüngster Zeit etwas gesunken (zumindest bei Stickoxiden), eine weitere Reduktion (v.a. bei Ammoniak) ist laut den Forschern möglich, aber nicht einfach zu erreichen. Doch selbst wenn es gelingt, das HELCOM-Ziel von 792.000 Tonnen Gesamteintrag zu erreichen, wird die Ostsee auch in Zukunft ein trübes Gewässer sein. Ein bleibendes Vermächtnis des Menschen.


Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

meinung@diepresse.com
www.diepresse.com/wortderwoche 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2021)