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Unterwegs

Reisen im Schlafwagen

Das Reisen mit dem Zug – eine nahezu vergessene Kulturform.
Das Reisen mit dem Zug – eine nahezu vergessene Kulturform.Imago Images
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Auch der Weg sei das Ziel: Sobald das Reisen wieder annähernd wie früher möglich ist, wartet der Nachtzug auf sein Revival.

Das Reisen mit dem Zug – eine nahezu vergessene Kulturform. Man hat sich ja alle Mühe gegeben, es so unattraktiv wie möglich zu machen. Abwegig teuer, unbrauchbare Verbindungen: Man hörte bald auf, daran zu denken, wenn man Städtetrips in Europa plante.

Aber die mehr oder minder billige Fliegerei, die das Rennen machte, ist halt auch seelenlos. Wie sonst kommt es, dass man sich an Jahrzehnte zurückliegende Nachtzugfahrten nach Paris erinnert, sie förmlich schmecken und fühlen kann (Croissant und Gitanes am Gare de l'Est), während das zigfache Navigieren durch das stumpfsinnige, global gebrandete Einerlei der Airport-Duty-Free-Shops und das Perlustrieren-Lassen bei der Security im Bodensatz der Reiseerinnerungen gelagert ist.

Nein, Reisen muss künftig wieder das Reisen selbst in den Fokus rücken, nicht nur die Destination. Ich behaupte: Wer Paris nicht aus der Zugfensterperspektive kennt, diese letzte Dreiviertelstunde durch den Grafito-geschmückten Hinterhof der Stadt, der kennt Paris nicht.

Gewiss, auch die ÖBB hat ihre Bahnhöfe zu unwirtlichen Shoppingmalls mit Gleisanschluss verkommen lassen, statt sie zu Tempeln der Reiselust zu erheben. Immerhin macht man sich um das Revival des (zumutbaren) Nachtzugs verdient. Jedenfalls ab Dezember soll sich wieder ein solcher ohne drei- oder viermal Umsteigen buchen lassen, nach Paris und anderswohin. Wer dafür die Zeit nicht hat, soll gleich zu Hause bleiben: Bestimmt gibt es bald VR-Brillen mit eingespieltem Tourist-Guide – billig, schnell und leblos.

timo.voelker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2021)