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Alice Schwarzer gegen die Scharia

(c) REUTERS (KAI PFAFFENBACH)
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Die Paradefeministin will das Kopftuch aus Deutschland verbannen. Im Buch "Die große Verschleierung" rechnet sie mit Altlinken ab. Die einstige Galionsfigur des Feminismus ist älter, aber nicht müde geworden.

Er sieht aus wie der Stephansdom, aber es ist der Kölner Dom, vor dem eine Handvoll Frauen ein Plakat präsentiert: „Kopftuch = kein politisches Symbol“ und darunter: „Gottes Wille“: Die Frauen schauen nett, aber entschlossen aus auf dem Foto in Alice Schwarzers neuem Buch.

Entschlossen ist auch Alice Schwarzer – entschlossen, das Kopftuch aus Deutschland zu verbannen, den muslimischen Frauen zuliebe. Die einstige Galionsfigur des Feminismus ist älter, aber nicht müde geworden. Der von ihr herausgegebene Band „Die große Verschleierung“ zeigt, wie die Unterdrückung der Frauen im Islam im Lauf der letzten 20 Jahre zu einem Hauptthema der heute 62-jährigen Deutschen geworden ist. Denn das Buch ist eigentlich nicht so neu, alle Beiträge – von ihr und anderen Autorinnen – wurden bereits in Schwarzers Zeitschrift „Emma“ veröffentlicht.

 

Die Autorinnen kämpfen nicht aus Kalkül

Wo es um den Islam geht, hat Schwarzer den Linken die Freundschaft aufgekündigt. Die deutschen Helfershelfer der Europa infiltrierenden Islamisten findet Alice Schwarzer vor allem an den Universitäten, unter den Protestanten, „im alternativen Milieu“ und unter den „gläubigen Altlinken“. Die Islamisten seien freilich (noch) nicht das Problem, sondern „die systematische Unterwanderung unseres Bildungswesens und Rechtssystems mit dem Ziel der ,Islamisierung‘ des Westens, im Klartext: die Einführung der Scharia mitten in Europa“ sei es.

In mindestens einer Hinsicht können sich politische Akteure ein Beispiel nehmen: Diese Autorinnen kämpfen nicht aus Kalkül, Ressentiments oder Ignoranz, sondern aus – bei vielen persönlich leidvoller – Erfahrung. Bei Schwarzer gehört zu diesen Erfahrungen ein Besuch im Iran im Jahr 1979, wenige Wochen nach der Machtergreifung Khomeinis. Sie habe mit vielen Regimevertretern gesprochen, erzählt Schwarzer. „Sie alle waren aufgeklärte und hochgebildete Menschen. Und sie alle antworteten auf unsere Fragen: ,Ja, wir wollen den Gottesstaat!‘, ,Ja, wir werden die Scharia einführen, das ist Allahs Wille!‘, ,Ja, selbstverständlich steht dann Tod durch Steinigung auf Homosexualität oder Ehebruch (der Frau)!‘ Und dabei lächelten sie liebenswürdig.“

Bei einer anonym bleibenden ehemaligen Konvertitin war es die Erkenntnis, dass freies Denken unter Muslimen unmöglich sei. Als sie ihre Überzeugung, der Koran sei wie die Bibel Menschenwerk, in einem Internetforum zur Diskussion stellte, „versuchte man mich plötzlich schnellstens umzustimmen. Als ich bei meiner Meinung blieb, schlug mir unvermittelt der blanke Hass entgegen. Einige schrieben mich privat an, dass sie auch dieser Meinung seien, dies aber öffentlich nie zugeben könnten.“

Bemerkenswert auch die Aussage eines türkischen Lehrers im Ruhrgebiet, als eine Frau mit Kopftuch an seiner Schule zum Unterricht zugelassen wurde: „Das Kopftuch löst bei uns, wenn es von Staatsvertretern wie Lehrerinnen getragen wird, unter Umständen ähnliche Gefühle aus wie bei manchen Deutschen das Hakenkreuz.“ (In besagter Schule erschienen immer mehr Mädchen – oft nach den Sommerferien – mit Kopftuch, durften nicht mehr auf Klassenfahrten und in den Sportunterricht, etliche wurden von ihren Eltern in die Türkei zurückgeschickt und mit einem ihnen unbekannten Mann verheiratet.)

 

„Es gibt nur eine Zivilisation“

Die Algerierinnen Djemila Benhabib und Khalida Messaoudi-Toumi litten beide unter dem Terror der islamistischen Groupe Islamique Armé (GIA) und kämpfen deshalb für die Trennung von Staat und Religion. Messaoudi-Toumi, mittlerweile Ministerin im linksliberalen Regierungskabinett, sagt in einem hier abgedruckten Vortrag: „In Algerien hofften wir, dass die Welt nach dem 11.September begreifen würde, was wir so lange erduldeten. Und was hörten wir einige Tage später? Die Terrorattacken in New York seien ein Zusammenprall der Zivilisationen. Wer von einem Zusammenprall der Zivilisationen spricht, geht davon aus, dass mindestens zwei Zivilisationen existieren. Es gibt jedoch nur eine einzige menschliche Zivilisation.“

Menschen wie Messaoudi-Toumi oder auch die niederländische Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali können den Werterelativismus des Westens nicht verstehen, wenn es um die Situation muslimischer Frauen geht. Wie auch? Hätte dieser Relativismus die letzten 100 Jahre in Europa geherrscht, die Gleichberechtigung der Frau wäre bis heute ein Hirngespinst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.09.2010)