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Amanshausers Album

Weinseminar, erster Teil

Der edle Tropfen ist im Glas, wie soll man es nun nehmen? Beim Kelch? Beim Stiel? Beim Fuß?
Der edle Tropfen ist im Glas, wie soll man es nun nehmen? Beim Kelch? Beim Stiel? Beim Fuß?REUTERS/Regis Duvignau
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Einst hielt man das Glas am Stängel, jetzt mit drei Fingern am Fuß.

In der Kindheit lernte ich, dass es bei Erwachsenen als unfein galt, Wein gläser oben am Kelch anzugreifen. Man hielt sie vielmehr am Stiel, den ich Stängel nannte. Ich wunderte mich, diese Haltetechnik kam mir unsicher, riskant vor, doch als Kind wundert man sich ja über das meiste. Später lernte ich dazu, dass gewisse pseudovornehme Erwachsene den kleinen Finger, wenn sie tranken, wegspreizten, was als affig galt. Ich wunderte mich auch wieder ein bisschen, denn ich selbst hätte den kleinen Finger nie weggespreizt. Alles, was ich damals über das Wein trinken lernte, wurde auch von anderen fleißig erlernt. Das führte zu steigender Frustration bei Weinauskennern. Bald hielt jeder, der Wein trank, das Glas am Stiel, und jene Menschen, die den kleinen Finger abspreizten, starben langsam aus. Inzwischen war die Ära des Glykolskandals vom österreichischen Weinwunder abgelöst worden, und plötzlich produzierte unser Land "Spitzenweine". Der regionale Säuerling endete in Tetrapacks, die vom Teil der Bevölkerung,
der Zustelladressen besaß, abgelehnt wurden. Die Gesellschaft hatte einen önologischen Zivilisationsschritt
bewältigt.

Doch die Auskenner fanden bald ein neues Distinktionsmerkmal. Das Weinglas wurde einfach noch weiter unten angefasst! Und zwar am Fuß des Glases mit einer Art Scherengriff der ersten drei Finger. Weinspezialisten wiegeln einander heutzutage auf, indem sie die rote oder weiße Flüssigkeit, meist gruppenweise, in dieser dümmlichen Haltung schwenken. Wer das Weinglas am Stiel, also Stängel, angreift, gehört längst zu den hoffnungslosen Proleten.

Leider begann meine Generation in den letzten zwei Jahrzehnten damit, sich mit Weinen auszukennen. Seitdem habe ich unzählige schreckliche Gespräche zu ertragen, bei denen Männer (immer Männer) ihre Weinseminarkenntnisse ausufernd darlegen. Ich versuche die Konversation abzutöten, indem ich, wenn jemand behauptet, der Wein schmecke nach Vanille, Quitte, Birne, Brombeere, Cassis oder Pfeffer, zurückgebe, er habe zwar ein komplexes Aroma, doch alles in allem würde ich Traube herausschmecken.