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Oskar Roehler: „Ich hasse die deutsche Biederkeit“

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(c) APN (Petro Domenigg)
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Oskar Roehler über sein umstrittenes NS-Drama „Jud Süß – Film ohne Gewissen“, deutsches „Beamtenkino“ über die Nazizeit und David Bowies SS-Mantel.

„Die Presse“: Herr Roehler, in „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ erzählen Sie vom aus Wien stammenden Schauspieler Ferdinand Marian, der die Titelrolle in Veit Harlans berüchtigtem NS-Propagandafilm spielte. Wie sind Sie zu diesem Stoff gekommen? Das ist ja keines Ihrer selbst entwickelten Projekte.

Oskar Roehler: Das verdanke ich den Gnaden des berühmten österreichischen Produzenten Franz Novotny. Er war ein großer Fan meines Films „Der alte Affe Angst“, und er wollte, dass ich den Jud Süß etwas radikaler angehe als die üblichen deutschen, sagen wir mal, Beamtenfilme über die Nazizeit.

Man merkt, es geht Ihnen darum, diese, nennen wir es einmal Bunker-Ehrfurcht à la „Der Untergang“ aufzubrechen. Rund um die Großproduktion von Bernd Eichinger wurde damals ja ein dubioses Leitbild von falscher „Authentizität“ verbreitet, das viele Medien einfach so übernommen haben.

Roehler: Bei mir breitet sich ein großes Unbehagen aus, wenn ich diese Bravheit sehe, mit der da die Dinge angegangen werden. Und dann rutscht was raus, was der normale Rezipient vielleicht gar nicht merkt. Da denk ich mir: Hmm, jetzt spielt der Bruno Ganz plötzlich den lieben Opa, der ist jetzt ganz nett zu seiner Sekretärin, und die Sekretärin ist auch so lieb, und die darf dann noch in die Freiheit fahren, obwohl sie ihr ganzes Leben lang nur gelogen hat. Ist dann doch vielleicht auch alles eine Lüge, hat Der Untergang eine heimliche Botschaft, so nach außen hin zu tun, als wären die Nazis schlecht, aber in Wirklichkeit sind sie doch wie wir, und wir sind ja immer noch so nett?

Der Mensch im Monster, wie es dann in so vielen Blättern hieß...

Roehler: Und dann auch immer diese TV-Filme: Dresden brennt – oh mein Gott! Die Krankenschwester und der Bomberpilot, dieses biedere Heile-Welt-Denken, was sich dann in diese Filme einschleicht – das kommt doch direkt aus den Nazifilmen, ein deutsches Kleinbürgertum, das sich festgefressen hat. Das hasse ich über alle Maßen. Da ist es mir doch lieber, eine Frau reißt sich die Klamotten vorm brennenden Berlin runter, da hätte ich eigentlich noch weiter gehen sollen.

Gerade diese Sexszene zwischen Tobias Moretti als Marian und Gudrun Landgrebe als Frau eines KZ-Kommandanten nach der „Jud Süß“-Premiere, während Bomben auf Berlin fallen, hat ja bei der Berlinale-Uraufführung des Films besonders viel Unmut erregt.

Roehler: Ich muss sagen, dass mich das sehr gewundert hat. Da frage ich mich dann schon bei so extremen Reaktionen: Wie weit sind die Leute in ihrem Bewusstsein? Haben sie sich so rigide moralische Fesseln selbst angelegt, aus Angst wovor, bitte? Vor der Rückkehr des Nationalsozialismus nach Deutschland? Davor, dass die Deutschen noch immer kein Bewusstsein über Schuld entwickelt haben? Ich habe es jedenfalls noch immer nicht verstanden, obwohl ich schon mit endlos vielen Journalisten gesprochen habe seither. Vielleicht bin ich ja einfach unbelehrbar!

Noch viel kontroverser diskutiert wurde aber der freie Umgang mit Fakten. Sie deklarieren Ihren Film als Fiktion, aber ist es etwa nicht extrem problematisch, einfach zu behaupten, die Frau von Ferdinand Marian sei eine „Vierteljüdin“ gewesen? Das bedient eine klassische rhetorische Figur des Melodrams auf Kosten der Wahrheit: Die Bedrohung eines Liebsten bringt die Hauptfigur dazu, sich auf etwas einzulassen – in diesem Fall auf den Deal mit Goebbels, ins „Jud Süß“-Filmprojekt einzusteigen. Das ist doch eine krasse Verdrehung der Historie.

Roehler: Dass Marians Skrupel so motiviert sind als eine Art Freispruch dafür, dass er den Film gemacht hat? Das war nie beabsichtigt, nicht mal angedacht. Beabsichtigt war etwas ganz anderes, was im Film glaube ich emotional gut rauskommt. Denn wozu führt das eigentlich, dass Marians Frau Vierteljüdin ist? Der Punkt ist doch vielmehr, dass Marian durch das System angreifbar ist. Nachdem er sich lange wehrt, sitzt er bei Goebbels auf der Party und wird umschwärmt, angekündigt, das ist eine Tour de Force! Als er danach zu seiner Frau ins Schlafzimmer zurückkehrt, ist sie beleidigt. Er ist da schon in dieser narzisstischen Pose des Filmeroberers und schleudert alles weg. Das sagt der Film: Der Egoismus in ihm hat doch überwogen.

Wie sind Sie die Reinszenierung der „Jud Süß“-Szenen angegangen? Veit Harlan war ja ein Regisseur mit einer außergewöhnlichen Ästhetik.

Roehler: Da scheidet sich die Welt in Romantiker und Idealisten. Manche lachen sich halbtot, wenn sie heute Harlan-Filme wie „Immensee“ ankucken, den Sprachgestus, die Schwere. Aber man kann in solche Filme auch total reingezogen werden, gerade wenn man einen Hang zum Melo hat und zur kitschigen Überhöhung – das hab ich jedenfalls, ich bewundere auch die Theatralik des Ganzen. Der Sohn, Thomas Harlan, hat ja einmal gesagt, Veit hätte falsche Gefühle unglaublich überhöht durch Effekte: Wenn man sich Oberschlesien anschaut zu Beginn des 20.Jahrhunderts oder beispielsweise Literatur des 19.Jahrhunderts liest, deutsche Klassiker wie Gustav Freytag, dann war da ein existierendes Lebensgefühl, eine Gefühlslage, zu der auch der Antisemitismus gehörte. Meiner Meinung nach hat die Nazizeit Harlan geholfen, Dinge, die er als Künstler ausdrücken wollte, extrem zu verstärken. Ich glaube, da hat eine Symbiose stattgefunden. Wenn Harlan zehn Jahre später behauptet, er hätte damit nicht gerne was zu tun gehabt, dann kann ich ihm das nicht glauben. Ich finde, dass das für ihn der perfekte Nährboden war, die Sonnwendfeiern und all das. Das hat ja dann auch in den Achtzigerjahren auf die Subkultur wieder Faszination ausgeübt. Kitsch als Camp, da hat man sich in Club-Nächten diese Nazifilme reingeworfen, an die Wand projiziert, während getanzt wurde.

Damals gab es ja schon so eine ausgeprägte Nazi-Chic-Phase.

Roehler: David Bowie ist damals auch im SS-Mantel aufgetreten und hat Lichtdome gebaut. Das war wirklich dieser Nazi-Chic, in den 80ern sind dann die Schwulen so rumgerannt, oder sie hatten Polizeimützen auf und solche Sachen – die Identifikation des Opfers mit dem Täter.

Zur Person

Oskar Roehler kam 1959 in Sternberg als Sohn von Schriftsteller Klaus Roehler und Schauspielerin Gisela Elsner zur Welt. Anfang der 80er-Jahre begann er als Autor, schrieb Drehbücher u.a. für Christoph Schlingensief, in den 90ern machte er sich als Regisseur einen Namen. Großen Erfolg hatte er mit „Die Unberührbare“ (2000), einem Schlüsselfilm über die letzten Jahre seiner Mutter; es folgten u.a. „Agnes und seine Brüder“ und der Houllebecq-Film „Elementarteilchen“. „Jud Süss – Film ohne Gewissen“ ist ab heute im Kino. [Thimfilm]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2010)