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Quergeschrieben

Die „Pinky Gloves“ und das Menstruationstabu

Wir reden ungern über unsere Körperausscheidungen. Normal? Na ja. Es gäbe gute Gründe, das zu ändern.

Die rosa Handschuhe sind Geschichte. Das deutsche Start-up „Pinky Gloves“, das Einmalhandschuhe für Frauen verkaufte, die dafür eingesetzt werden sollten, Tampons zu entfernen, darin einzuwickeln und „diskret“ zu entsorgen, gab am Dienstag bekannt, ihr Produkt einzustellen. Die Hersteller, zwei Männer, waren Ziel eines enormen Shitstorms auf den sozialen Medien gewesen, hätten Morddrohungen erhalten.

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Man sollte diese Episode zum Anlass nehmen, über die Macht des Internets zu debattieren. Die laute Aufregung wird befeuert, die Zwischentöne gehen verloren. Schuld daran sind allerdings weniger die ach-so-radikalen Aktivistinnen und Aktivisten, die die sozialen Medien als Plattformen nutzen – sondern die Plattformen selbst, deren Algorithmen jene Beiträge prominent zeigen, die viele Reaktionen erhalten. Und das sind nun mal eher die Beschimpfungen.

Man sollte diese Episode auch zum Anlass nehmen, sich zu fragen, warum es überhaupt zu dieser Aufregung gekommen ist. So brachial sie daherkommt, ist sie eigentlich ein Fortschritt – und das zunächst innovativ gepriesene Periodenprodukt „Pinky Gloves“ ein Rückschritt. Denn die Menstruation ist nach wie vor ein Tabuthema, und die Idee, dass ein benutztes Tampon „diskret“ entsorgt werden muss, befeuert diese Auffassung.

Im 17. Jahrhundert galt es als Ehre, dem französischen „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. beim Stuhlgang zuzusehen.

Anna Goldenberg

Das ist ja ganz normal, könnte man nun argumentieren. Mit Körperausscheidungen geht man nun einmal unauffällig um, wir ekeln uns vielfach vor ihnen. Der Ekel hat wichtige biologische Funktionen, er warnt vor möglicherweise verdorbenen, giftigen Substanzen. Doch er ist erlernt. Kinder stecken sich noch ungehemmt alles in den Mund, was sie finden. Zudem ist Menstruationsblut nicht giftig, auch wenn das eine der kuriosen Theorien, die darüber kursierten, behauptete. In der Antike waren Gelehrte der Meinung, dass das Periodenblut eine Art Überschuss sei, den Frauen unkontrolliert von sich geben, weil sie nicht aus dem Haus gehen. Mittlerweile längst überholt, herrscht doch unterschwellig noch immer die Annahme, dass die Menstruation ein „Fehler“ der Frau sei – man denke etwa an den Ex-Präsidenten der USA, Donald Trump, der 2015 „lächerliche“ Fragen der Moderatorin Megyn Kelly mit einer Anspielung auf ihre Monatsblutung erklärt hat.

Für das Schamgefühl, den Ekel gegenüber der Menstruation gibt es eine sozialanthropologische Erklärung, mit der wir uns in der Debatte zu wenig auseinandersetzen: Die Angst vor Blut ist häufig, jene vor Menstruationsblut gilt als Paradebeispiel, weil dieses – anders als Blut, das durch Wunden entsteht – nicht kontrollierbar ist. Es ist auf einmal da. Zudem symbolisiert es mit der erfolglosen Empfängnis den Tod. Fehlende Kontrolle und Sterblichkeit – beides Dinge, vor denen wir uns fürchten. Dazu kommt: Sozialanthropologen sehen den individuellen Körper als Modell für den Sozialkörper, weshalb Grenzüberschreitungen – etwa in der Form von Körperausscheidungen – als gefährlich empfunden werden. Frauen gelten zudem als doppelt unrein, da sie durch die Geburt öfter in diesem Zustand sind – und in patriarchalen Gesellschaften stärker mit dem Körper assoziiert werden.

Müssen wir deshalb unsere Ausscheidungen zum Smalltalk-Thema erheben? Im 17. Jahrhundert galt es als Ehre, dem französischen „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. beim Stuhlgang zuzusehen. Das ist vielleicht zu viel des Guten, aber ein etwas entspannterer Umgang würde uns nicht schaden. Es wäre sinnvoll, die Grenzen zu verschieben, an den Tabus zu rütteln. Denn das fehlende Wissen ist gefährlich. Der Darm ist ein empfindliches Organ, der Stuhlgang spiegelt oft die eigene Gesundheit wider. Eine Umfrage aus dem Jahr 2018 zeigt, dass österreichische Jugendliche eklatante Wissenslücken haben. Die Hälfte weiß nicht, wie lang ein durchschnittlicher Menstruationszyklus dauert. Bevor wir uns über das diskrete Entsorgen Gedanken machen, sollten wir also das klären.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.04.2021)