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Oscars 2020

Was man über die Oscar-Academy wissen muss

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Die Academy ist keine einstimmige Instanz, die jedes Jahr ihre Lieblingsfilme aussucht. Sie besteht aus rund 8500 Mitgliedern, die abstimmen. Dabei geht es nicht immer hochprofessionell zu.APA/AFP/GABRIEL BOUYS
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Zu weiß, zu männlich, zu selbstverliebt? Wer die Debatten, die jede Oscar-Verleihung begleiten, verstehen will, muss einen Blick auf die Academy werfen: Hier ist Hollywoods Elite unter sich.

Die Worte auf der Einladung klangen verführerisch. Am 11. Mai 1927 lud die frisch gegründete Academy of Motion Picture Arts and Sciences 300 Männer und Frauen aus der Filmindustrie zu einem Festbankett in das luxuriöse Biltmore Hotel in Los Angeles. Es galt, Mitglieder anzuwerben. Eine Broschüre lockte mit den Vorteilen, die es hätte, „wenn wir uns selbstlos zu einer großen konzertierten Bewegung zusammenschließen“: Die Academy solle „Harmonie und Solidarität“ in der Branche fördern und zum Fortschritt der Filmkunst beitragen. Der Abend war ein Erfolg. Von den 300 Gästen zahlten 231 direkt ihren Mitgliedsbeitrag ein.

So begann der Aufstieg eines Hollywood-Verbands, der die Filmindustrie bis heute prägt – und der regelmäßig in der Kritik steht. Das Gremium, das heuer bereits zum 93. Mal die Oscars verleiht, hat sich in den letzten Jahren viel Schelte eingefangen: Es repräsentiere nur einen kleinen, privilegierten Teil der Filmindustrie, es prämiere am liebsten Filme, die im eigenen Dunstkreis spielen (tatsächlich haben Filme über das Showbusiness traditionell gute Oscar-Chancen) – und, der größte Vorwurf: Es richte seinen Blick vorwiegend auf die Leistungen weißer, männlicher Filmemacher.

Nachdem im Vorjahr 19 von 20 nominierten Schauspielern weiß waren, wirkt das heurige Nominierungsfeld nun wie das demonstrative Kontrastprogramm: Neun der nominierten Darsteller sind „people of color“, zahlreiche Filme - von „Judas and the Black Messiah“ bis „One Night in Miami“ erzählen konkret vom Kampf gegen die Unterdrückung von Afroamerikanern.

Und gleich zwei Frauen - Chloe Zhao und Emerald Fennell - sind in der Regiekategorie nominiert. In der Oscar-Geschichte ist das ein Rekord. Erst fünf Frauen wurden davor überhaupt je nominiert (bei 444 Nominierungen für Männer), erst einmal gewann eine Regisseurin („Kathryn Bigelow für „The Hurt Locker“). Ist die Academy nun endlich in der Gegenwart angekommen?

Ein erlesener Kreis

Die Academy – das ist freilich keine einstimmige Instanz, die jedes Jahr willkürlich ihre Lieblingsfilme aussucht. Wer die Debatten um die Oscars verstehen will, muss einen genaueren Blick auf die Preisjury werfen: Diese ist zuletzt auf über 9000 Mitglieder angewachsen, von denen eigenen Angaben zufolge 33 Prozent Frauen sind (2015 waren es noch 25 Prozent) und 19 Prozent unterrepräsentierten ethnischen Gruppen angehören (2015: 10 Prozent). 2016 hatte sich die Academy ein Reformprogramm verordnet, nachdem zum zweiten Mal in Folge kein einziger dunkelhäutiger Schauspieler nominiert worden war, was zu lautstarken Protesten unter dem Hashtag #oscarssowhite geführt hatte.

Bewerben kann sich freilich nicht jeder: In Betracht kommt, wer von zwei Mitgliedern vorgeschlagen wird oder sich durch eine Nominierung als würdig erweist. Durch dieses System kann sich die Academy trotz ihrer vielen Mitglieder als eine Art erlesener Kreis präsentieren: Wer es geschafft hat, darf mitentscheiden, wer es als nächstes schafft. Hier ist die Elite der Branche unter sich.

Das war ganz die Idee der Gründer, allen voran Louis B. Mayer, Studioboss von Metro-Goldwyn-Mayer. Um eine Preisverleihung ging es beim konstituierenden Dinner 1927 nur am Rande. Vordergründig sollte die Academy den Filmschaffenden helfen, sich gegen „unfaire Attacken“ zu wehren, und das Image der Branche verbessern: ein PR-Instrument gegen die Kritik christlicher Gruppen, die vor einer Verrohung der Jugend durch Hollywood-Filme warnten.

Besser als eine Gewerkschaft?

Tatsächlich orten Hollywood-Historiker auch andere Intentionen. In einer Zeit, in der in der Filmbranche immer mehr Gewerkschaften gebildet wurden, sahen die Produzenten der großen Studios in der Academy eine Möglichkeit, arbeitsrechtliche Konflikte nach ihren eigenen Regeln auszutragen: Hier waren zwar Regisseure, Autoren, Schauspieler und Techniker in einem Verband vereint – das Sagen hatten aber die Studio-Bosse.

Bei den ersten Oscar-Verleihungen feierte sich die Academy vorwiegend selbst: „Es war eine kleine Gruppe, die zusammenkam, um sich auf die Schulter zu klopfen“, sagte Janet Gaynor, die bei der allerersten Gala 1929 als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde. Academy-Gründungsmitglied und Szenenbild-Legende Cedric Gibbons, der die Oscar-Statuette entworfen hatte, gewann selbst insgesamt elf davon. Immer wieder reagierte die Academy auf Kritik, öffnete sich für neue Mitglieder, passte ihr Regelwerk an.

Derzeit sind die Mitglieder in 17 Berufsgruppen eingeteilt – etwa Schauspiel, Kostümdesign, Visual Effects. In der Nominierungsphase wählen sie ihre Kandidaten für ihr jeweiliges Gewerk: Schauspieler nominieren Schauspieler, Drehbuchautoren nominieren Drehbuchautoren. Aus den so ermittelten Nominierungen wählen dann alle Academy-Mitglieder die jeweiligen Sieger.

"Keine Zeit, Filme zu sehen"

Dabei geht es durchaus menschlich zu – und natürlich lässt sich so manches Jury-Mitglied von durch professionelle Kampagnen generierten Hypes beeinflussen. Oder von der Publikumsmeinung. Nach einem Jahr der Kinoschließungen und bei einem Nominiertenfeld, das frei von Publikumshits ist, ist das gar nicht so einfach, wie ein anonymer Regisseur in einem Interview mit dem Magazin „Indiewire“ zugab: „Man weiß nicht mehr, welcher Film beliebt ist!“ Andere räumen frei ein, ein Gros der nominierten Filme gar nicht gesehen zu haben.