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Serie

„A Teacher“: Wer erobert hier wen?

A teacher
Die Englischlehrerin (Kate Mara) und ihr liebster Schützling (Nick Robinson): Kann eine Beziehung zwischen ihnen je ebenbürtig sein? „A Teacher“ lässt die Illusion nur langsam einreißen.FX
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Eine neue Serie über das Verhältnis einer Englischlehrerin mit ihrem Schüler wirft das Klischee von der Verführerin und dem wehrlosen Jüngling um. Und erzählt doch klar von Missbrauch.

Wäre die Sache so, wie sie sich in Erics Träumen darstellt, dann wäre der Fall eindeutig – und die Serie „A Teacher“ hätte nicht mehr viel zu erzählen. Da packt die Lehrerin in einem Klassenzimmer, das vor fiebriger Erotik ganz orange flirrt, den Abschlussklassler am Gürtel, schaut ihn durch ihre Brillengläser verführerisch an, beißt sich lasziv auf die rot geschminkten Lippen und geht langsam in die Knie. Dem Burschen entweicht ein Stöhnen. Dann blickt er sich um – und mitten in die starrenden Augen der versammelten Klasse. Und dann klingelt der Handywecker.

Aber es ist eben nicht die Geschichte einer raubtierhaften Verführerin und eines naiven Jünglings, die in „A Teacher“ (produziert für den US-Streamingdienst Hulu und bei uns ab Freitag auf Disney+ zu sehen) erzählt wird, wenngleich die entsprechenden Klischees und Fantasien durchaus als dramaturgisches Kontrastmittel eingesetzt werden. Außerhalb von Erics Träumen trägt Claire Wilson (Kate Mara) nicht einmal Brille. Und er (Nick Robinson) ist es, der der verdutzt blickenden Englischlehrerin in der Pause einen ersten Kuss raubt. In zehn kurzen Folgen rollt das Psychodrama durch die Stationen einer verhängnisvollen Affäre und suhlt sich dabei lange in moralischer Ambivalenz.

Und wenn es wirklich Liebe ist?

Der Stoff ist da ergiebig: Ist ein Schüler, der eine Affäre mit seiner Lehrerin beginnt, ein Held oder ein Opfer? Können zwei Menschen, die solch ein Alters- und dazu noch ein Abhängigkeitsgefälle trennt, einander je auf Augenhöhe begegnen? Was, wenn es wirklich die große Liebe ist? Charles Aznavour beklagte in seinem Chanson „Mourir d'aimer“ eine Gesellschaft, die eine solche Liebe in einem ähnlichen Fall nicht zulassen wollte. Hannah Fidell liefert nun einen Appell, der Liebe lieber nicht zu sehr zu trauen. Ihren gleichnamigen Erstlingsfilm baute die US-Regisseurin zur Serie aus, der – zumindest in den USA – ein abschließender Hinweis folgt, sich Hilfe zu holen, wenn man selbst von „Grooming“ (also Erwachsenen, die sich in Missbrauchsabsicht das Vertrauen Minderjähriger erschleichen) betroffen ist.

Dabei wickelt die von Kate Mara zurückhaltend gespielte Claire ihren Schutzbefohlenen gar nicht strategisch um den Finger. Die Mittdreißigerin, die in einer glücklosen Ehe feststeckt, in der Sex strikt auf ihren Eisprung abgestimmt wird, scheint die offenkundige Schwärmerei des 17-Jährigen, der sich keine andere Nachhilfelehrerin leisten kann, nicht einmal bewusst auszunutzen. Fast unwillkürlich schlittert sie in das verzwickte Verhältnis: Eine private Lernstunde hier, ein nettes Gespräch da, und je mehr die gebotene Distanz abgebaut wird, desto weiter traut sich Eric zu gehen. Lange lässt Claire ihn die ersten Schritte machen, angeturnt von der jugendlichen Hyper-Maskulinität dieses selbstbewussten, klugen Fußball-Kapitäns, der in seinen jungen Jahren wohl schon mehr Sexualpartner hatte als sie. Und von der Affäre völlig berauscht ist. Nach dem ersten Sex auf einem entlegenen Parkplatz sagt er zu seinem Spiegelbild: „I'm the fucking man!“

Sie trinken Bier, kuscheln, reden

Dass Nick Robinson bei den Dreharbeiten schon 24 Jahre alt war, verstärkt die harmlose, liebliche Wirkung, die die ersten Szenen dieser Beziehung haben. Der Fokus auf die romantische Vereinigung ebenso: Die beiden trinken Bier, kuscheln, reden. Beide sind glaubhaft verliebt. Der Missbrauchs-Aspekt schält sich erst spät heraus – als würde man ein jugendliches Publikum erst narrativ fesseln wollen, um ihm dann in pädagogischer Überheblichkeit zu zeigen: Merkt ihr jetzt, wie schlimm das schon die längste Zeit war? Seht ihr, dass das nie eine ebenbürtige Beziehung sein konnte? Plötzliche Lücken – auch mitten in Szenen – und Zeitsprünge verdeutlichen die Unbeständigkeit der Erzählung. Als wolle die Inszenierung warnen: Achtung, wir sehen gar nicht alles, was hier passiert!

Eine tiefere psychologische Erkundung der Figuren und der Dominanz zwischen ihnen hätte „A Teacher“ wohl besser getan als der pflichtschuldige Botschaftseifer, der die Serie auch als Schulmaterial qualifiziert. Den Vorwurf, das - eindringlich geschilderte - Verhältnis zu verherrlichen, müssen sich die Macher jedenfalls nicht gefallen lassen.

„A Teacher“. 10 Folgen á 20 Minuten. Ab 23.4. auf Disney+.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2021)