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Die Ich-Pleite

Die Symptome einsamer Pandemieabende

Carolina Frank
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Seit Lockdown ist, leide ich unter allen möglichen Wehwehchen.

Stresssymptome sind es nicht. Wo der Chef jetzt im Home-Office ist, hat er ja richtige Kinder, die er belehren kann. Es ist auch keine Hypochondrie. Denn die Rückenschmerzen, das Herzrasen, das Augenlidzucken, die brüchigen Nägel das alles habe ich ja wirklich. Ich habe jede Woche einen Arzttermin. Meist der einzige Grund, warum ich aus dem Haus muss. Wenn man von Supermarkt, Drogeriemarkt und Weinhandlung absieht. Aber dadurch kann ich wenigstens ein paar der Kleidungsstücke ausführen, die ich während der langen, einsamen Pandemieabende erworben habe.

Ohne das Herzrasen wäre das neue Kleid mit den raffinierten Ärmeln vielleicht noch viele Wochen allein im Schrank gehangen. Aber so ist es immerhin von vier Menschen gesehen worden. Zuerst von der Arztassistentin. Allerdings weiß ich nicht, ob ihr in der Zehntelsekunde zwischen "E-Card, bitte" und "Nehmen Sie Platz" der coole Schnitt wirklich aufgefallen ist. Dann von den zwei Patienten im Wartezimmer: der älteren Dame mit den dicken Brillengläsern und dem weg getretenen Youngster mit den Kopf hörern.

Der Arzt hat leider nur kurz aufgeschaut und dann schon verlangt, dass ich das Kleid ausziehe, damit er ein EKG machen kann. Die schwarze Spitzenbluse mit den Silberknöpfen neulich beim Sportarzt war vielleicht ein bisschen overdressed. Denn er hat mich zwar längere Zeit betrachtet, dann aber gemutmaßt, dass die Rückenschmerzen psychischer Natur sind. Seit gestern habe ich leider ein bisschen Zahnschmerzen. Das wäre eine Gelegenheit, meinen neuen Kaschmirpullover anzuziehen! Wenn er nicht blöderweise durch das Lätzchen halb verdeckt wäre. Aber dafür darf ich die Maske abnehmen.