Schauspielhaus Graz: Salem muss brennen

Millers „Hexenjagd“ hebt ab. Für zweieinhalb Stunden wird man in das Jahr 1692 entführt, als im puritanischen Salem in der britischen Kolonie von Massachusetts die Hexenhysterie noch einmal intensiv aufflackerte.

Bei Vollmond, bei bestem Flugwetter also, gab es Donnerstags im Schauspielhaus Graz „Hexenjagd“ zu sehen. Tatsächlich konnte die sorgfältige Inszenierung von Direktorin Anna Badora abheben, das Publikum dankte für dieses Lehrstück über Massenwahn mit anhaltendem Applaus. Arthur Millers Zweiakter aus dem Jahre 1953, eine Abrechnung mit dem Verfolgungswahn des Kommunisten-Jägers McCarthy, wirkt im Pathos abgehoben. Aber mit feinen Leistungen der Protagonisten, Musikalität und Kerzenlicht auf recht dunkler Bühne gelingt der Abend – pralles, bewährtes Theater ohne ablenkende Schnörkel oder Experimente.

Für zweieinhalb Stunden wird man in das Jahr 1692 entführt, als im puritanischen Salem in der britischen Kolonie von Massachusetts die Hexenhysterie noch einmal intensiv aufflackerte. Auch aktuellere Beispiele der Verfolgung konnte man in diesem Musterbeispiel der Vernaderung erkennen. In Salem ging es vor allem um Grundstücksstreitigkeiten, sagen Historiker. Der ökonomische Kern wird deutlich herausgearbeitet in dieser treffsicheren Studie über Hysterie und religiös-politische Verblödung.

Mit einem harmlos wirkenden Spiel beginnt das Stück. Tituba (Mercy Dorcas Otieno), die der geldgierige Reverend Samuel Parris (Sebastian Reiß) als Bedienstete aus Barbados mitgebracht hat, zeigt den jungen Mädchen der Stadt ein wenig Voodoo. Sie versammeln sich um ein Feuer und sagen unter Beschwörungsformeln die Namen der Burschen, die sie als Männer haben wollen.

Eine von ihnen aber macht offenbar ernst. Abigail Williams (Pia Luise Händler), die Nichte des Pfarrers, will, dass ihre ehemalige Dienstherrin Elizabeth Proctor (Steffi Krautz) stirbt. Abigail hatte ein kurzes Verhältnis mit deren Mann John Proctor (Jan Thümer). Das Mädchen reißt sich die Kleider vom Leid, tanzt, trinkt Blut. Die anderen machen mit, frische Nacktheit in dezentem Dunkel. In ihren langen, einfachen Kleidern sind die Mädchen zuerst brave kleine Kopftuchträgerinnen. Dann reißen sie sich die hellen Hauben runter und lassen wie im Protest ihre schönen Haare wallen. Sie werden in dieser für bigotte Augen schockierenden Szene von Pfarrer Parris entdeckt, seine Tochter Betty (Violetta Zupancic) gerät vor Scham außer Kontrolle, fällt in tiefe Ohnmacht. Schon in der zweiten Szene kippt das Stück. Ausgeflippte Teenager, berechnende Geistliche, raffgierige Bauern, gnadenlose Richter und eine dämonische Abigail führen die Stadt ins Unglück.

Ein Blutrichter mit schneidender Stimme

In der Grazer „Hexenjagd“ sind die meisten Darsteller immer auf der Bühne, am Rand aufgefädelt. Wer auftritt, kommt in die Mitte, die anderen sehen unbeteiligt zu. Dass diese Methode wirksam ist, haben bereits die ausgezeichneten Tschechow-Inszenierungenvon Jürgen Gosch bewiesen. Auch beim Bühnenbild von Raimund Orfeo Voigt sind diese Anleihen bemerkbar. Salem ist ein Bretterverhau, eine Scheune mit tristen Holzmöbeln, nur Vizegouverneur Danforth (Stefan Suske), der im zweiten Akt die Todesurteile über die vermeintlichen Hexen fällt, erhält einen erhöhten samtroten Sitz mitten auf dem Parkett, der per Laufsteg mit der Bühne verbunden ist. Die Zuseher sind also zugleich jene, die den Blutrichter umringen.

Suske, in den Kleidern eines britischen Machthabers, wirkt mit seiner schneidenden Stimme überzeugend. So spricht das Unrecht bei Schauprozessen, so agierten auch Anfang der Fünfzigerjahre in Washington böse Geister. Thümer gibt leidenschaftlich den Widerpart, er ist der Held, der aus Überzeugung untergehen muss, aus Liebe zur Wahrheit. Stark spielt auch Krautz, die schwierige Rolle einer gerechten, aber auch kalten Frau versieht sie mit Subtilität, besonders in ihren Schlussszenen, als Elizabeth aus Liebe zum Gatten lügt. Händler zählt ebenfalls zu den Stützen des großen Ensembles, das insgesamt einen guten Eindruck macht. Otto David und Gerti Pall haben schöne Charakterrollen sowie Katharina Klar als reuiges, von allen manipuliertes Mädchen. Sie muss Mary Warren spielen, die nicht mehr daran glaubt, besessen zu sein. Im Finale aber, wenn Abigail noch einmal ihre große Show abzieht, wird auch Mary mit den Mädchen noch einmal mitgerissen. Hilflos stehen dann die Realisten wie Reverend Hale (Florian Köhler) im Getümmel. Mit der Axt will Proctor das Lügengespinst zerstören, er reißt die Bretter ein. Man weiß nun gewiss: Dieses Salem brennt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2010)

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