Nur nicht stubenhocken, sondern nach draußen gehen: In der St. Martins Therme & Lodge bringen Biologen den Gästen bei naturkundlichen Ausflügen die Gegend näher. Ach ja, es wird auch gebadet und entspannt.
Allzu hässlich darf's rundherum nicht aussehen, jedoch sind landschaftlicher Liebreiz oder interessante Outdoor-Betätigungsfelder kein Killerkriterium, ob eine Wellnessadresse bei ihren Kunden funktioniert. Der Gast kommt schließlich nicht zum Wandern oder zum Biken oder zum Naturliebhaben. Nicht in erster Linie. Er kommt vielmehr, um zu schwitzen, sich durchkneten, sich verschönern, sich fallen zu lassen. Man will ja nicht so weit gehen zu behaupten, dass so manches Projekt damit spekuliert: Je geringer sich die Außenreize halten, umso lieber bleibt der Gast vor Ort und setzt im Extremfall tagelang keinen Fuß aus dem Wellnesstempel hinaus.
Schon der erste Eindruck der St. Martins Therme & Lodge hat nichts von alledem – und er verfestigt sich schnell auch, wenn man ein paar Tage bleibt. Die Landschaft wirkt in ihrer Leere, ihrer Weite anziehend exotisch, vieles orientiert sich nach draußen, der Gast kommt sehr wohl zum Biken, zum Wandern, zum Naturliebhaben. Er wird nachgerade dazu motiviert. Ein Glücksfall, schon gar bei einem Projekt in einer Größenordnung von 150 Zimmern und Suiten, einem großzügigen, luftigen Thermen- und Wellnessbauteil für Tagesgäste und abgetrennten Bereichen für Dayspa-Besucher und die Gäste der Lodge. Dieser ockerfarbene, schneckenartig angelegte Bau (Holzbauer und Partner) passt hierher, weil er seine Umgebung nicht nur architektonisch, sondern bis in die Programmpunkte miteinbezieht. Alte Kiesgruben auf dem Areal außerhalb von Frauenkirchen wurden renaturiert, zu einem See verbunden und dessen Uferzone gestaltet. Nur dass sich die zehn Meter tiefe Grube mit derart karibisch-türkisem Badewasser füllte, war Zufall.
Salzlacken und Ameisenlöwen
Steppenlandschaft, Hutweiden, Rebflächen umgeben St. Martins, der Nationalpark Neusiedlersee– Seewinkel befindet sich nur eine Baumreihe entfernt. Der weite nordburgenländische Himmel ist jetzt voller Zugvögel, an den Salzlacken und im Schilf tummeln sich tausende Tiere, Steppenrinder ziehen umher. In dieser urtümlichen Landschaft gibt es Zackelschafe, weiße Esel, Wasserbüffel, die man wieder züchtet. Und Tiere, die hier wild leben, weil man sie in Ruhe lässt und aus Respektabstand beobachtet. Zu ihnen führen die zahlreichen naturkundlichen Exkursionen von St. Martins – gemeinsam mit ausgebildeten Biologen macht man sich vor Sonnenaufgang bis in der Nacht mit Fernglas, Fahrrad oder Kanu auf die Fährte, picknickt draußen, bewegt sich, freut sich danach auf einen Absacker auf der Terrasse und eine relaxte Behandlung ohne exotisches, esoterisches Tralala.
Kern des St.-Martins-Projekts ist nämlich die Idee, die Eigenheiten der Landschaft, die Tier- und Pflanzenwelt, die Atmosphäre näherzubringen. Auch wenn die Anlage über alle Thermenstandards für den Badegast verfügt, ist das Konzept nicht das einer konventionellen Therme, sondern vielmehr das einer Lodge: mit Aussichtsplattform, Nistplätzen, Zimmern mit Teleskop und ohne TV, Bibliothek, Naturprogramm, regionalen Produkten. Vielleicht darf man sich nicht gleich das Klischee einer Lodge erwarten: eine Anlage mit Bungalows und Blockhäusern, in denen man sich vor nahenden Löwen und Grizzlys nicht fürchten muss. Die St. Martins Lodge ist größer, aber stilvoll und kitschfrei bis ins Detail. Und die Big Five im Seewinkel sind harmloser: Przewalskipferd, Ziesel, Seeadler, Steppenrind – und Ameisenlöwe.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2010)