Wien: Das Drama der zersplitterten Stadt

Wien Drama zersplitterten Stadt
Wien Drama zersplitterten Stadt(c) APA (HEILAND / ZAHA HADID ARCHITECTS)
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Hier arbeiten, dort wohnen – wo leben? Wien droht in monothematische Grätzel zu zerfallen. „Wien baut seine großen Entwicklungsgebiete monofunktional nebeneinander", sagt ein Stadtplaner.

Um zu sehen, was in der Wiener Stadtplanung falsch läuft, fährt man am besten in jenen Bezirk, den alle für einen der spannendsten halten: die Leopoldstadt. Ausgerechnet hier zeigt sich für den Stadtplaner Reinhard Seiß das Problem der Zukunft: „Wien baut seine großen Entwicklungsgebiete monofunktional nebeneinander. Keiner macht sich Gedanken darüber, wie neue Komplexe zu ihrem Umfeld stehen. Es wird insulär gedacht. Wien arbeitet auf die völlig entmischte Stadt hin, und das verhindert urbane Lebensqualität.“ Knapper formuliert: Hier wohnen, da arbeiten – wo leben?

Die Entmischung, die Aufspaltung der Stadt in monothematische Grätzel, sieht im Zweiten so aus: ein Messeareal, das nur für Messen genutzt wird und sonst „tote Zone“ ist, daneben ein WU-Campus, der mit „Architektur-Bonbonnieren“ aufwarten wird, aber – anders als die TU im vierten Bezirk – keine funktionale Durchmischung haben wird, und dahinter das (Büro-)„Viertel zwei“ mit der OMV-Zentrale.

Auch beim Nordbahnhofgelände (fertig 2025) bleibt die Richtung dieselbe: Was man bis jetzt sehe, so Seiß, seien Wohnmonolithe mit Erdgeschoßzonen aus Müll- und Radräumen. Dass der Trend zur Monofunktionalität im Alltag insgesamt nicht so auffällt, hat damit zu tun, dass in der Stadtsubstanz noch immer die gründerzeitliche Melange vorherrscht: im Erdgeschoß Geschäfte, darüber Büros, Wohnungen. Was man ja auch in der MA18 (Stadtplanung) für ein gutes Konzept hält.

Man sei froh, dass die Zuwanderung nicht in den Neubau-, sondern den Gründerzeitwohnungen starte, sagt Leiter Thomas Madreiter: „Die gründerzeitliche Stadt s3;0wirkt wie eine Integrationsmaschine.“ sInsofern schade, dass am Nordbahnhof, wo dezidiert „Interkulturelles Wohnen“ stattfinden soll, von der gelobten Gründerzeit-Mischung wenig zu merken ist. Ob es beim Prestigeprojekt Aspern besser gelingt? Auf dem Flugfeld soll bis 2028 eine 240 ha große „Stadt in der Stadt“ entstehen. Seiß ist skeptisch: „So leicht, wie die PR-Abteilung des Rathauses hofft, lässt sich Stadt nicht produzieren.“

Wobei: Wohnungen wird es in Aspern jedenfalls genug geben. Tatsächlich ist die Wohnbaupolitik der Stadt gut. Zwar gilt die Gestaltung der Wohnanlagen noch immer häufig als einfallslos, aber Angst, dass man 2035, wenn Wien zwei Mio. Einwohner haben soll, keine leistbare Wohnung findet, muss keiner haben.

Wie es dann mit dem Verkehr aussieht, ist eine andere Sache. Denn mit der „sanften Mobilität“ – öffentlicher Verkehr statt Autos –, ist es nicht allzu weit her. Erstens, weil die Errichtung von Gewerbe, Wohn- und Bürobauten gesetzlich mit jener von Stellplätzen verknüpft wird. Zweitens, weil Entmischung die Autoabhängigkeit verstärkt.

Was der Stadtentwicklung auch noch fehlt: mehr Demokratie. Denn der Planungsprozess bleibt oft intransparent, Einsprüche werden oft nicht ernst genommen.

Nur kein Stress

Bleibt die Frage: Warum? Warum macht es die Stadt nicht besser? Warum wird sie zunehmend monofunktional? „Weil es bequem ist“, sagt Seiß. Zumindest für die privaten Entwickler, die sich nicht mit anderen Nutzern arrangieren müssen. Und dass die Stadt Konzernen keine Vorgaben mache, sei damit zu erklären, dass „fast alle großen Unternehmen mit der öffentlichen Hand verschränkt sind.

Man tut sich gegenseitig keinen Stress an.“ Weshalb es bei der Stadtplanung selten um urbane Qualität gehe, vielmehr darum, „so hoch und dicht zu bauen, dass sich eine bestimmte Rendite ausgeht“, sagt Seiß. Und das sei nicht mal zynisch gemeint.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25. 9. 2010)

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