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Bericht

Höchststand bei antisemitischen Vorfällen in Österreich

ANGRIFF AUF SYNAGOGE IN GRAZ: SOLIDATIT�TSKUNDGEBUNG
Proteste nach dem Angriff auf den Präsidenten der jüdischen Gemeinde in Graz.(c) APA/INGRID KORNBERGER (INGRID KORNBERGER)
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Physische Angriffe haben sich 2020 fast verdoppelt, die Pandemie verstärkte zudem antijüdische Tendenzen spürbar.

Wien. Noch nie seit Beginn der Dokumentation vor 19 Jahren wurden so viele antisemitische Fälle erfasst wie 2020. Insgesamt dokumentierte die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) 585 Vorfälle, um 6,4 Prozent mehr als im Vorjahr, wie aus dem am Montag veröffentlichten Antisemitismusbericht hervorgeht.

Tatsächlich dürften es sogar noch mehr gewesen sein: Fast drei Viertel der antisemitischen Fälle werden einer Umfrage zufolge gar nicht erst gemeldet. Zudem flossen in den Bericht nur jene Vorfälle ein, die durch Experten der Antisemitismus-Meldestelle geprüft wurden.
Auffallend ist der Anstieg der Gewalt: Elf physische Angriffe wurden verzeichnet, fast doppelt so viele wie 2019. Auch die Zahl der Bedrohungen stieg von 18 auf 22.

Der überwiegende Teil der Meldungen (364 Fälle) bezog sich auf verletzendes Verhalten, also antisemitische Beschimpfungen, Kommentare oder Botschaften, sowohl verbal oder auch schriftlich in Briefen oder Onlinemedien. Wobei bei letzteren mehrere antisemitische Kommentare in derselben Online-Diskussion als einzelner Vorfall gezählt werden. 135 Meldungen, also knapp ein Viertel, wurden in der Kategorie „Massenzuschriften“ subsumiert, schriftliche Inhalte in Zeitungen, auf Blogs, oder Einträge auf Sozialen Netzwerken. 53 Vorfälle gehen auf Sachbeschädigungen zurück.

Die Presse/PW

Besonders gravierend war der hohe Anstieg der gemeldeten Fälle im November und Dezember. Während zwischen Jänner bis Oktober im Schnitt 41 Fälle gemeldet wurden, waren es im November 96, im Dezember 73 Meldungen.

Corona als Treiber

Dafür gibt es zwei Erklärungen: Einerseits können seit November 2020 Vorfälle neben Telefon und E-Mail auch mittels Online-Formular (www.antisemitismus-meldestelle.at) gemeldet werden. Zudem wurde in Sozialen Medien vermehrt auf die Meldestelle aufmerksam gemacht.
Andererseits habe auch das „Wiederaufflammen der Proteste gegen die Coronamaßnahmen zu einem markanten Anstieg“ geführt. In diesem Zusammenhang tritt Antisemitismus vor allem in Form von Verschwörungsmythen, der Relativierung der Shoah auf – etwa, indem der „Judenstern“ benutzt wurde, um auf die vermeintliche Stigmatisierung der Protestierenden aufmerksam zu machen.
„Speziell im Internet und auf vielen Demos wurden wüste antisemitische Lügen verbreitet“, sagte dazu Oskar Deutsch. Aus solchen Worten könne sich ein Flächenbrand der Taten entwickeln, wenn man ihnen nicht entgegenträte, so der IKG-Präsident.

Im Zusammenhang mit Corona-Protesten habe man ein verstärktes Auftreten der organisierten rechtsextremen und neonazistischen Szene festgestellt, heißt es im Bericht. Problematisch auch deshalb, weil mit 229 ein überwiegender Teil der Vorfälle rechter oder rechtsextremistischer Ideologie zugeordnet werden konnte. 87 waren links oder linksextrem motiviert, 74 Vorfälle wurden muslimischem Antisemitismus zugeordnet, 195 Fälle blieben undefiniert. Gleich fünf der elf physischen Angriffe wurden von muslimischen Tätern begangen.

„Aufflackern“ der Gewalt

Neben Corona kennzeichne das „Aufflackern antisemitischer Gewalt“ das Jahr 2020, so der Bericht, der zwei Taten besonders hervorstreicht: Der Angriff auf den Präsidenten der jüdischen Gemeinde Graz sowie der islamistische Terroranschlag am 2. November in Wien, bei dem davon auszugehen war, dass auch die jüdische Gemeinde Ziel des Attentäters war. Dass kurz darauf noch ein Wiener Rabbiner angegriffen wurde, dem keiner der „zahlreichen Umstehenden“ zu Hilfe kam, wertete die IKG als „besonders verstörend“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2021)