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Interview

Suizidforscher: "Die Depressivität ist derzeit sehr hoch"

Nach einem Jahr Isolation und Distancing sind die Folgen deutlich zu spüren.
Getty Images
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Thomas Niederkrotenthaler über die psychischen Folgen der Coronakrise, was getan werden muss, damit diese nicht zu einem Anstieg der Suizide führt, wie man mit Menschen mit Suizidgedanken umgeht - und, wie das Virus selbst zu mehr psychischen Erkrankungen führt.

Die Presse: Seit dem ersten Lockdown gab es die Sorge, die Coronakrise könnte zu mehr Suiziden führen. Dazu kam es glücklicherweise nicht. Wie erklären Sie das?

Thomas Niederkrotenthaler:
Es gab von Anfang Bedenken, es könnte im Rahmen der Krise zu einem Anstieg der Suizide kommen. Mittlerweile hat sich international gezeigt, dass es nicht mehr Suizide gab, insbesondere in westlichen Ländern, wo die Suizide zum Teil sogar zurückgegangen sind. Auch in Österreich: 2020 gab es laut Statistik Austria 1068 Suizide, 2019 waren es 1113, das entspricht dem Trend, den wir seit 1987 haben. Seit dem Höchststand 1986 mit 2139 Fällen gab es einen gewaltigen Rückgang, den die Pandemie bisher nicht stoppte.

Wie erklären Sie das?

Wir haben keine Erfahrung mit Pandemien dieses Ausmaßes, zur Spanischen Grippe gibt es kaum Daten. Aus anderen Krisen, etwa nach Naturkatastrophen, ist bekannt, dass in der ersten Zeit einer Krise die Suizide tendenziell nicht ansteigen. Das hängt auch mit konkreten Maßnahmen zusammen: Wir haben im Rahmen der Corona-Krise ein erweitertes psychosoziales Hilfsangebot, Maßnahmen, die Menschen auf dem Arbeitsmarkt halten, Moratorien, was die Räumung von Wohnungen angeht. Ein breites Bündel – und, zu Beginn, auch ein Grundgefühl der gesellschaftlichen Solidarität.

Mittlerweile sind trotzdem viele psychisch stark belastet.