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Zurück ins Elternhaus: Die Bumerang-Kinder

Zurueck Elternhaus BumerangKinder
(c) Bilderbox
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"Bumerang-Kinder" sind Erwachsene, die ins Elternhaus zurückkehren - oft, nachdem sie bereits in eigenen Wohnungen gelebt haben. Der Trend wird immer ausgeprägter.

Richtig kompliziert wurde es für Anna erst mit der Suche nach einem Job. Diese gestaltete sich nämlich langwieriger als erwartet. Ein Monat verstrich, eine Handvoll Bewerbungen verblich, dann ein zweiter Monat und noch mehr Bewerbungen – und spätestens im dritten Monat war klar, dass ein Job bis zur Sponsionsfeier nicht mehr auftauchen würde. Also hat Anna (die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will) ihre Sachen gepackt und ist heimgekehrt. Zurück zu Kaffee und Kuchen an einem Sonntag, zurück zu den weißen Kaffeetassen mit den Blumen darauf, zurück zum Geruch frisch gebügelter Hemden an einem Donnerstagabend, zurück zum Kreuz an der Wand, kurzum, zurück in den sicheren Hafen. Zurück ins „Hotel Mama“.

Und da sitzt sie nun, auf dem 1,20Meter breiten Jugendbett in ihrem zwölf Quadratmeter großen Kinderzimmer, zwischen alten Rockstarpostern, dem Maturaballplakat, einer Stoffpuppe und den BWL-Büchern in braunem Pappkarton. Anna, 27Jahre, mittelbraune Haare, Jeans, schwarze Bluse, gute Uni-Noten, ist wieder dort, wo sie mit 18Jahren in einen neuen Lebensabschnitt gestartet ist.

Mit dieser Situation ist sie allerdings nicht allein. Laut einer Studie des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft drängen jährlich rund 30.000Akademiker auf den Arbeitsmarkt. Egal, ob diese Statistiken zu viele oder zu wenige Jobanfänger mit Uni-Abschluss prognostizieren, der Einstieg ins Berufsleben gestaltet sich für viele von ihnen mühsam. In den Nachwirkungen der Wirtschaftskrise ist es keine Seltenheit, dass sich hunderte Bewerber um einen Arbeitsplatz anstellen.

Da kann schon mal ein dreiviertel Jahr vergehen, bis ein Absolvent eine Stelle findet. Nur, was passiert in der Zwischenzeit? Wer bezahlt die Rechnungen? Wer die eigene Wohnung? Auf Arbeitslosengeld haben viele Jungakademiker noch keinen Anspruch. Was liegt also näher, als den Telefonhörer in die Hand zu nehmen und eine vertraute Nummer zu wählen: „Hallo Mama. Wie geht's dem Papa. Du, ich hätte da eine Frage. Es wär wahrscheinlich eh nur für kurze Zeit...“

Zyklisches Phänomen. Als „Bumerang-Effekt“ bezeichnet Christine Geserick vom Institut für Familienforschung das Phänomen der erwachsenen Kinder, die wieder ins elterliche Nest zurückkehren. Die Entwicklung ist neu, die Anzahl der betroffenen Personen schwer zu erfassen. Eine amerikanische Studie des Pew Research Center, die – mitten in der Krise – die Situation in New York unter die Lupe nahm, kam jedenfalls zu dem Schluss, dass bereits mehr als jede zehnte Familie davon betroffen ist: 13Prozent der Eltern mit erwachsenen Kindern gaben an, dass im Lauf des vergangenen Jahres mindestens einer ihrer Söhne oder Töchter wieder nach Hause zurückgekehrt sei. Doch das Phänomen ist zyklisch. Wird die Wirtschaft besser, bleibt auch der Nachwuchs länger flügge.

Bumerang-Kandidat bleibt man lange. „Grundsätzlich zählen wir Menschen unter 45 dazu, die bereits allein gelebt haben und aus den verschiedensten Gründen wieder ins Elternhaus zurückgezogen sind“, erläutert Familienforscherin Geserick. Und auch Claudia Rupp, Bereichsleiterin der Fachsektion Kinder-, Jugend- und Familienpsychologie des Berufsverbandes Österreichischer PsychologInnen, kennt die Situation: „Ich erlebe sehr häufig, dass junge alleinerziehende Mütter wieder zu den Eltern ziehen. Aber auch junge Erwachsene, die nach einer gescheiterten Beziehung die gemeinsame Wohnung aufgeben müssen, kehren zurück. Einfach zur Unterstützung“, erklärt Rupp.

Auch für Anna war schnell klar, dass sie nach Hause zurückgehen würde. Seit fast einem Jahr wohnt sie wieder bei ihrer Mutter und dem jüngeren Bruder in einer 70-Quadratmeter-Wohnung im oberösterreichischen Wels. „Natürlich war es eine Umstellung“, sagt die junge Frau. „Auf einmal musst du dich wieder an einen Tagesrhythmus anpassen, der nicht deiner ist.“ Das bedeutet für sie: Die Wäsche muss am Freitag in die Waschmaschine, Abendessen gibt es wieder um 17Uhr, und um 20Uhr muss sie leise sein, weil die Mutter – eine passionierte Frühaufsteherin – schon so früh schlafen geht. Anna schaut nachdenklich auf die weiße Kaffeetasse mit den rosa Blumen: „Aber man gewöhnt sich rasch daran“, sagt sie. „Ich war immer gern zu Hause und bin auch in den Ferien oft für lange Zeit daheim gewesen.“

Das Haus ist groß genug. „Sich daran gewöhnen“ – das scheint das Mantra zu sein, das das Universum der Rückkehrer bestimmt. „Wer wieder zu den Eltern zieht, der muss damit klarkommen, dass dir jemand sagt, was du zu tun hast, wie du es zu tun hast und wann du es zu tun hast“, meint Hannelore. Die 28-Jährige wohnt seit drei Jahren wieder im elterlichen Haus in einer kleinen Gemeinde am Attersee. Dorthin hat sie reiner Pragmatismus getrieben: „Das Haus ist groß genug für alle, warum soll ich für eine eigene Wohnung zahlen?“ Jetzt wohnt sie wieder im Keller, gleich neben der Garage: Ihr gehören ein Wohnzimmerraum mit Kochnische („Die ich aber nicht benütze“), ein Schlafzimmer, ein Bad und eine Toilette. Das eigentliche Wohnzimmer und die Küche teilt sie sich mit den Eltern im ersten Stock.

„Die Vorteile überwiegen eindeutig die Nachteile“, ist die Bankangestellte, die in Salzburg arbeitet, überzeugt. Sie bezahle keinen Cent im Monat, der Kühlschrank sei immer voll, sie wisse nicht, wie viel Gas und Strom sie am Ende des Monats verbraucht habe, und sie genieße den Luxus, jedes kaputte elektronische Gerät im Haushalt sofort repariert zu bekommen. Das Wechseln der Winterreifen erledigt der Vater. „Ich muss, ehrlich gesagt, nicht einmal Klopapier einkaufen“, erzählt sie. So kann ich mehr Zeit in wichtige Dinge investieren.“

Vorteile für beide Seiten. Wichtige Dinge, das sind für Hannelore jede Menge Freizeitaktivitäten und ihr berufliches Fortkommen. „Himmel“, entfährt es ihr plötzlich, „das hört sich ja jetzt an, als würde ich meine Eltern nur ausnützen. Aber so ist es nicht. Ich helfe ihnen auch: Ich mache ihre Steuererklärungen und übernehme Internetbuchungen. Das sind alles Dinge, die ich besser kann als sie.“

Auch Psychologin Claudia Rupp sieht das Phänomen der „Bumerang-Kinder“ durchaus differenziert: „Wenn junge Menschen zu ihren Eltern zurückziehen, dann muss das nicht unbedingt negativ sein. Unter einem Dach zu wohnen, bedeutet nicht, die Selbstständigkeit aufzugeben. Wichtig ist aber, dass die Eltern ihre Kinder selbst entscheiden lassen.“ Dabei kann es manchen schwerfallen, Kinder als gleichberechtigte Erwachsene im gemeinsamen Haushalt zu akzeptieren. „Freiraum“ wird zum Schlüsselwort. Sätze wie „Zieh dir doch was Warmes an“ oder „Wieso stehst du nicht früher auf?“ seien da eher hinderlich, sagt Rupp: „Die Eltern müssen lernen loszulassen.“

„Es ist sicher nicht jeder geeignet bei den Eltern zu wohnen. Du kannst nicht mehr so ungezwungen sein, weil ständig jemand da ist, der weiß, was du tust“, fasst Hannelore ihre Erfahrungen zusammen. Sie selbst schwört daher auf ein möglichst getrenntes Zusammenleben: Ihre gesamte Freizeit verbringt sie außerhalb des Hauses. Freunde mal zu sich nach Hause einladen? Schon lange nicht mehr. „Ich kann ja wohl schlecht sagen: ,Bitte, Mama und Papa, kommt jetzt ein paar Stunden nicht in die Küche.‘ Es ist ja schließlich ihre.“ Nach drei Jahren bei den Eltern sieht Hannelore die Sache recht nüchtern: „Man lernt schnell, sich aus dem Weg zu gehen.“

Schlüsselalter 29. Der Trend zum „Hotel Mama“ wird immer ausgeprägter. Zwar nicht für immer, dafür aber länger und immer wieder. Das im Dezember 2009 veröffentlichte „Generations and Gender Survey“ des Österreichischen Instituts für Familienforschung und der Statistik Austria zeigt, dass junge Österreicher immer länger im Elternhaus bleiben. Im Jahr 2008 wohnten 39Prozent aller Männer und 21Prozent aller Frauen zwischen 25 und 29Jahren noch bei Mama und Papa. Von den Erwachsenen zwischen 30 und 34Jahren sind es 20 Prozent der Männer und acht Prozent der Frauen.

Das Schlüsselalter scheint 29 zu sein. „Haben junge Erwachsene erst einmal dieses Alter erreicht, dann sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie aus dem Elternhaus ausziehen, deutlich ab“, erläutert Soziologin Geserick, die für diesen Teil des „Generations and Gender Survey“ verantwortlich ist.

Als Grund für diese Entwicklung nennen Experten die längeren Ausbildungszeiten, das geänderte Autoritätsverhältnis zu den Eltern, aber auch die finanzielle Sicherheit. Alles Punkte, die junge Menschen wieder in die Arme der Eltern zurücktreiben können. „Auch die veränderten Wohnverhältnisse begünstigen, dass Kinder wieder nach Hause ziehen“, weiß Geserick „Statistisch gesehen sind die Wohnräume viel größer und auch besser ausgestattet als vor 20Jahren. Und nicht selten haben die Eltern ein Haus gebaut, mit der Hoffnung, dass die Kinder dort irgendwann wieder einziehen werden.“

Generationen verstehen sich besser. Sind sie also vorbei, die Zeiten, in denen die Kinder der 68er-Revolution unter den größten körperlichen und geistigen Anstrengungen versuchten, sich aus der staubigen Spießerwelt ihrer Eltern zu befreien? Heute scheint sich in den Köpfen vieler eher ein kollektives Miteinander breitzumachen. „Der Generationenkonflikt, wie wir ihn gekannt haben, den gibt es nicht mehr“, bestätigt Rupp. „Eltern bleiben näher an ihren Kindern dran. Mütter tauschen die Kleidung mit ihren Töchtern, Väter gehen mit ihren Söhnen auf Rockkonzerte. Warum sollten sie dann nicht auch unter demselben Dach wohnen?“

Ja, warum nicht? Wenn Mama und Papa eine Art verantwortungsbewusste WG-Kollegen sind, wenn das Bett gemacht, der Kühlschrank gefüllt und die Wohnung geputzt ist, ohne dass einem große Einschränkungen auferlegt werden, warum sollten Kinder dann noch ausziehen? Aus Gründen der Selbstfindung? Weil es sich so gehört? Mitnichten. „Natürlich vermisse ich manchmal meine Freiräume, aber so kann ich Geld sparen und öfter auf Urlaub fahren“, zählt Anna die Vorteile auf. Einen Arbeitsplatz hat sie längst gefunden, eine eigene Wohnung will sie sich im Moment trotzdem noch nicht leisten. Außerdem: „Die Beziehung zu meiner Mutter ist sehr gut. Sogar viel besser, seit ich wieder daheim wohne.“ Streitereien gebe es kaum bis gar nicht. „Nur wenn sie mich wiederholt fragt, mit wem ich gerade telefoniert habe“, sagt sie und lächelt.

Keine Dauerlösung. Auf Dauer, da sind sich Anna und Hannelore einig, ist das Wohnen bei den Eltern aber keine Lösung. „Nur im Moment ist es praktischer so“, meint Hannelore, die sich übrigens selbst nicht vorstellen könnte, mit ihren erwachsenen Kindern unter einem Dach zu leben. Und auch Anna will nicht zu den ewigen Nesthockern gehören: „Das ist alles nur vorübergehend, aber im Moment passt es einfach.“ Wann sie ausziehen wird, ist allerdings noch ungewiss. Vielleicht, wenn der Freund mit dem Studium fertig ist, wenn sie sich beruflich abgesichert fühlt oder wenn sie eine Wohnung findet, bei der das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Bis dahin, wird sie weiterhin jeden Tag in ihrem 1,20-Meter-Bett schlafen. Umringt von Rockstarpostern und den Fotos aus der Schulzeit. An der Wand hängt auch ein Plakat, das die Mutter anlässlich von Annas Rückkehr nach dem Auslandssemester gebastelt hat: „Schön, dass du wieder da bist, Mädi.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2010)