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Datenspeicherung: Gegenwart als neue "dunkle" Zeit?

Datenspeicherung Gegenwart neue dunkle
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Noch nie wurden so viele Informationen geschaffen wie heute. Forscher suchen fieberhaft nach Möglichkeiten, um den digitalen Gedächtnisverlust zu verhindern. Umfassende Lösungen gibt es derzeit keine.

Es ist eine Ironie des Informationszeitalters: Noch nie in der Menschheitsgeschichte wurde derart viel Wissen und wurden so viele Informationen produziert wie heute. Ob davon zukünftige Generationen auch etwas mitbekommen, ist indes fraglich – denn es wird immer schwieriger, diese Informationen zu bewahren. „Wir müssen noch viel tun, damit es kein dunkles Mittelalter des 21. Jahrhunderts gibt“, sagte Anfang dieser Woche Max Kaiser, Forschungsleiter der Österreichischen Nationalbibliothek. Denn unsere Datensysteme können nicht garantieren, dass die Information in einigen Jahrzehnten, geschweige denn in einigen Jahrhunderten, noch zugänglich sind. Dann fehlt die Überlieferung über unsere Zeit, sie wird – wie etwa das Frühmittelalter aus unserer Sicht – für künftige Generationen „dunkel“.

„Wenn ich Goethes Wahlverwandtschaften lesen will, dann gehe ich zu einem Bücherregal, ziehe den Band heraus, muss allenfalls noch eine Brille aufsetzen – und dann kann ich sofort lesen“, so Kaiser. Wie anders ist das bei elektronischen Medien: „Ich habe viele ältere CDs in meinem Büro, die ich nicht mehr lesen kann“, erzählte Tony Hey, Leiter der externen Forschung beim Softwarekonzern Microsoft. Er war Stargast der Konferenz, „iPRES 2010“, die heuer erstmals in Wien stattgefunden hat. Ziel dieser Veranstaltung war es, den Stand des Wissens über die Bewahrung von digitalen Objekten zusammenzutragen und die besten Optionen herauszudestillieren. Das entmutigende Fazit: Es gibt keine Lösung, die allein selig machend ist.

Dass es so schwierig ist, digitale Daten zu bewahren, hat vor allem zwei Gründe, erläutert der Organisator der Konferenz, Andreas Rauber (TU Wien): zum einen die Lebensdauer von Datenträgern und zum anderen die Datenformate. Eins nach dem anderen: Mit Tontäfelchen und Steindenkmälern, die bereits Jahrtausende überdauert haben, können moderne Datenträger nicht mithalten. Am besten schneiden noch Mikrofilme und Magnetbänder ab, mit denen man schon annähernd 100 Jahre Erfahrung hat. Festplatten halten, selbst wenn man sie regelmäßig bewegt, bei Weitem nicht so lange. Und gebrannte CDs und DVDs haben eine Haltbarkeit, die eher in Jahren als in Jahrzehnten zu messen ist.

Doch selbst wenn z. B. eine PDF-Datei auf einem Speichermedium auch in 200 Jahren noch physisch vorhanden ist, heißt das noch lange nicht, dass man sie auch lesen kann: Denn einen PDF-Reader wird es dann wohl nicht mehr geben – und sicher auch keinen PC, wie wir ihn heute kennen. Microsoft-Experte Hey erzählte ein eindrucksvolles Beispiel: „In den 1990ern wurde das mittelalterliche ,Domesday Book‘ digitalisiert. Wenn man diese Fassung lesen will, kann man das nur mehr auf zwei Geräten, die auch heute noch funktionieren.“

Dieses Problem wiegt in den Augen Raubers noch viel schwerwiegender. Die Forscher haben hierzu mehrere Ideen: So können die Informationen etwa regelmäßig in neue Dateiformate umgewandelt werden – man spricht dabei von „Migration“. In der Praxis ist das angesichts der immensen Datenmengen ein echtes Problem: Wer entscheidet, wann eine Datei in welches Format umgewandelt wird?

Und wie kann man die Qualitätskontrolle sicherstellen – dass also alles geklappt hat? „Einzelne Dateien kann man überprüfen, aber bei vielen Terabyte Daten geht das nicht“, so Rauber. Die Technologen suchen daher nach einem möglichst allgemeinen, offenen Datenformat. Daneben macht Microsoft-Experte Hey noch auf ein anderes Problem der Migration aufmerksam: „Das Umwandeln von einem Format in ein anderes ist sehr teuer.“

Daher verfolgen viele Forscher einen anderen Ansatz: Man bewahrt die originalen Programme auf und schafft auf neuen Computersystemen eine Umgebung, in der die alten Programme laufen – dieses Verfahren heißt „Emulation“. Bloß: Die Bedienung von Computerprogrammen verändert sich mit der Zeit stark. Wer kann z. B. heute noch mit einem MS-DOS-System umgehen? Und vielleicht ist die Computermaus als Bediengerät in einigen Jahrzehnten bereits Geschichte. Wer weiß? Einen entscheidenden Vorteil hat die Emulation jedenfalls: Die originalen Daten bleiben unverändert.

Letzteres ist in einem anderen Zusammenhang wichtig, denn dadurch bleiben auch Informationen über die Datei und ihre Geschichte erhalten – etwa, wer wann Änderungen vorgenommen hat. Auch für neue vernetzte Dateiformate sind solche Kontextinformationen entscheidend. Das ist keine L'art pour l'art, sondern z. B. für die Versicherungswirtschaft wichtig: Viele Dokumente nehmen auf Indizes oder Aktienkurse Bezug und sind mit ihnen sogar verknüpft. Wenn man nach 20 Jahren einen Vertrag nachrechnen will, dann lässt sich das ohne die Verlinkungen kaum mehr rekonstruieren.

Selbst wenn man für all diese Probleme eine Lösung finden sollte, dann bleibt eine weitere Schwierigkeit: Die Datenmengen wachsen exorbitant – ein Ende dieses Trends ist nicht absehbar. Und, wie Kaiser anmerkt, sinken die Kosten für die Speicherung nicht im selben Ausmaß. Das bedeutet, dass unser digitales Gedächtnis allein schon aus wirtschaftlichen Gründen in Gefahr bleibt.

Das EU-Forschungsprojekt Planets
beschäftigt sich mit der Langzeitaufbewahrung von Daten. Dabei kooperieren 16 Partner, unter ihnen die British Library, Microsoft, IBM sowie die TU Wien, die Österreichische Nationalbibliothek und das Austrian Institute of Technology (AIT). Das Budget liegt bei 15 Millionen Euro, in Österreich wird es von der FFG abgewickelt.

Ein symbolischer und spektakulärer Akt der Forschungsarbeiten war die Deponierung der „TimeCapsule“ in einem Schweizer Hochsicherheitsbunker („Swiss Fort Knox“) heuer im Frühsommer. In dieser unscheinbaren Kiste befinden sich fünf Dateien in verschiedenen Formaten (PDF, JPEG, ein Video, ein Java-Programm und eine HTML-Website) sowie alle notwendigen Informationen, damit künftige Generationen diese Daten auch lesen können – von Betriebssystemen bis hin zu detaillierten Beschreibungen der Programme, mit denen die Dateien kreiert wurden – Letztere auch in Papierform.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2010)