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Quergeschrieben

Wer andere an den Pranger stellt, wird ihre Einstellung nicht ändern

Zur Debatte um „Cancel Culture“: Oft geht es nur noch darum, anderen zu zeigen, dass wir selbst alles richtig machen, indem wir betonen, was sie falsch machen.

Mit Texten zum Thema „Cancel Culture“ verhält es sich wie mit Dosenbier nach Feierabend: Ein Anlass findet sich immer; was kommt, ist meist erwartbar und deshalb schnell lauwarm – aber immerhin für eine Zeit lang unterhaltsam. Vielleicht ist die Debatte, wer was wo sagen kann, wer sich wie und warum darüber aufregen darf und wie wer darauf reagieren soll, aus diesen Gründen eine, die sich hauptsächlich in den Feuilletons und Kommentarseiten der deutschsprachigen Medien abzuspielen scheint. Sie lässt sich gut vom Schreibtisch aus führen.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autorinnen und Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen. Weitere Meinungsbeiträge von „Presse“-Redakteuren wie von Gastautorinnen finden Sie hier.  


Verzeihen Sie also, wenn ich einmal mehr zum Dosenbier greife, diesmal allerdings mit dem Ziel, dass es länger kühl bleibt. Anlass für diese Hoffnung gab mir die „Ezra Klein Show“, eine Podcast-Produktion der „New York Times“. Darin ging es um die Frage, was passieren soll, wenn ein unliebsamer, als gefährlich empfundener Inhalt erstmal „gecancelt“ ist. Wie sieht in der Vorstellung jener, die dieses Unterfangen vorangetrieben haben, die ideale Welt danach aus?

In den sozialen Medien wird selten eine Ideologie oder Idee kritisiert. Die Kritik richtet sich in der Regel gegen Individuen.

Anna Goldenberg

Womit wir schon beim wichtigsten Problem wären. Denn in sozialen Medien oder Kommentaren angeprangert wird selten eine Ideologie oder Idee, sei es Rassismus oder Sexismus im Allgemeinen oder die Vorstellung, dass Trans-Menschen von ihrem biologischen Geschlecht definiert werden, im Spezifischen. Attackiert werden auch nicht die Strukturen, etwa ungerechte Aufstiegschancen. Nein, die Kritik richtet sich in der Regel gegen Individuen, die etwas falsch gemacht haben sollen.
Und oft haben sie das auch, man denke etwa an Harvey Weinstein und die darauf folgende #MeToo-Kampagne. Allzu oft ist der Pranger durch die sozialen Medien die einzige Möglichkeit, Aufmerksamkeit auf ein Thema zu lenken. Außerdem sind Individuen Teil der Strukturen und bieten somit eine Gelegenheit, über diese zu sprechen. Aber wohl genauso oft – wie Nathalie Wynn, eine Transgender-YouTuberin, die selbst Opfer eines Shitstorms wurde, in der Podcast-Episode bemerkte – sind es nicht die wirklich Mächtigen, die die Kritik abbekommen. Sondern jene, die eigentlich der eigenen Meinung ohnehin halbwegs wohlgesonnen sind. Lieber der Modebloggerin, die sich vegan ernährt und für Flüchtlinge einsetzt, vorwerfen, sie habe kein Verständnis für von Armut betroffene Menschen, die billige Kleidung kaufen, als jene zu kritisieren, die für die Missstände verantwortlich oder politisch völlig anderer Meinung sind. Es ist einfacher, auch, weil sie näher ist. Sie hört vielleicht zu, so die Annahme.

Es scheint produktiver, weniger mächtige Menschen zu attackieren. Das ist es aber nicht. Denn an den Pranger gestellt zu werden tut wenig, um die Einstellung der Kritisierten zu ändern. „Lobe öffentlich, kritisiere persönlich“, lautet eine Faustregel im Management. Und sie trifft auch hier zu. Weil es Vertrauen braucht, um Kritik anzunehmen. Es braucht jemanden, der oder die ähnlich tickt wie man selbst, und erklären kann, warum Dinge vielleicht anders sind, als man bisher dachte – zum Beispiel warum man unwissentlich rassistisch oder sexistisch gehandelt hat.
Die öffentliche Kritik, die „Cancel Culture“, will das bewirken. Es gelingt ihr oft indirekt, indem sie Aufmerksamkeit auf eine Debatte, auf das zugrunde liegende Problem lenkt. Andere bringt sie so zum Nachdenken, aber die attackierte Person selbst erreicht sie selten.

Die Menschheit eint, dass sie Ideen hat, wie eine bessere Welt aussehen kann. Diese Vorstellungen mögen sich unterscheiden, und das ist gut so. Weniger gut ist, wenn es nicht mehr vordergründig darum geht, sondern wir nur zeigen wollen, dass wir selbst alles richtig machen, indem wir betonen, was andere falsch machen. Das führt wiederum dazu, dass der kritisierten Person kein Raum gegeben wird, die eigene Meinung zu überdenken.
Zuhören ist schwierig. Dabei hilft es, einen kühlen Kopf – und ein kühles Bier – zu bewahren.

Zur Autorin

Anna Goldenberg ist Journalistin und Autorin („Versteckte Jahre. Der Mann, der meinen Großvater rettete“, 2018, Paul Zsolnay) und lebt in Wien. Sie schreibt über Medien und Politik für den „Falter“.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.04.2021)