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Wir wollen mehr spielen als arbeiten, mehr erfahren und genießen als besitzen. Surfer an der britischen Küste.
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Wir müssen etwas erleben! Müssen wir?

Schmerzlos trennen wir uns neuerdings von den Dingen, die einst Herzensdinge waren. Die Erinnerungen, die in ihnen aufbewahrt sind, haben keinen Wert mehr. Es gilt nicht mehr die alte Maxime: Ich muss haben. Die neue Maxime lautet: Ich muss erleben.

Wir befinden uns heute im Übergang vom Zeitalter der Dinge zum Zeitalter der Undinge. Nicht Dinge, sondern Informationen bestimmen die Lebenswelt. Wir bewohnen nicht mehr Erde und Himmel, sondern Google Earth und Cloud. Die Welt wird zusehends unfassbarer, wolkiger und gespenstischer. Nichts ist hand- und dingfest.

Die Dinge stabilisieren insofern menschliches Leben, als sie ihm eine Kontinuität verleihen, die „sich daraus herleitet, dass der gleiche Stuhl und der gleiche Tisch den jeden Tag veränderten Menschen mit gleichbleibender Vertrautheit entgegenstehen“, so Hannah Arendt in „Vita Activa“. Dinge sind Ruhepole des Lebens. Sie sind heute gänzlich von Informationen überlagert. Es ist nicht möglich, bei Informationen zu verweilen. Sie haben eine sehr schmale Aktualitätsspanne. Sie leben vom Reiz der Überraschung. Schon aufgrund ihrer Flüchtigkeit destabilisieren sie das Leben. Unsere Aufmerksamkeit wird heute von ihnen permanent in Anspruch genommen.

Der Tsunami der Information versetzt das kognitive System selbst in Unruhe. Informationen sind keine stabile Einheit. Ihnen fehlt die Festigkeit des Seins. Niklas Luhmann charakterisiert die Information wie folgt: „Ihre Kosmologie ist eine Kosmologie nicht des Seins, sondern der Kontingenz.“

Wir wollen heute mehr erleben als besitzen, mehr sein als haben. Das Erleben ist eine Form des Seins. So schreibt Erich Fromm in „Haben oder Sein“: „Haben bezieht sich auf Dinge. Sein bezieht sich auf Erlebnisse.“ Fromms Kritik, die moderne Gesellschaft orientiere sich mehr am Haben als am Sein, greift heute nicht ganz, denn wir leben in einer Erlebnis- und Kommunikationsgesellschaft, die das Sein dem Haben vorzieht. Es gilt nicht mehr die alte Maxime des Habens: Ich bin umso mehr, je mehr ich habe. Die neue Maxime des Erlebens lautet: Ich bin umso mehr, je mehr ich erlebe. TV-Sendungen wie „Bares für Rares“ geben ein beredtes Zeugnis für den unmerklich vonstattengehenden Paradigmenwechsel ab. Schmerzlos, ja fast herzlos trennen wir uns von den Dingen, die früher Herzensdinge waren. Bezeichnenderweise wollen die meisten Teilnehmer der Sendung für Geldscheine, die sie von „Händlern“ ausgehändigt bekommen, „reisen“, als wären Reisen Rituale der Trennung von den Dingen. Die Erinnerungen, die in den Dingen aufbewahrt sind, haben plötzlich keinen Wert mehr. Sie haben neuen Erlebnissen zu weichen. Offensichtlich vermögen die Menschen heute nicht mehr bei den Dingen zu verweilen oder sie zu ihren treuen Begleitern zu beleben. Herzensdinge setzen eine intensive libidinöse Bindung voraus. Wir wollen uns heute weder an die Dinge noch an die Personen binden. Unzeitgemäß sind Bindungen. Sie schmälern die Erlebnismöglichkeiten, nämlich die Freiheit im konsumistischen Sinne. Selbst vom Konsum der Dinge erwarten wir inzwischen Erlebnisse. An den Dingen wird deren Informationsgehalt, etwa das Image einer Marke, wichtiger als der Gebrauchswert.