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Hat mit mächtiger Stimme für den guten Weg des Menschen geworben. Am 6. Mai wäre Erich Fried 100 Jahre alt geworden.
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Erich Fried

Nicht nur die Liebe!

Dichter sind nicht dazu da, den Verfall der Welt (ob im Großen oder Kleinen) eloquent zu dokumentieren, sondern diesen aufzuhalten. Erich Fried war sich dieser Verantwortung bewusst. Wenn nicht wir, die Schriftstellerinnen und Schriftsteller, prädestiniert dafür sind, unsere Stimmen zu erheben, wer bitte dann? Ein Gruß zum 100. Geburtstag

Kann es denn sein, dass mir Erich Fried im Laufe der Jahre abhandenkam? Wo zum Teufel hat sich jetzt ein Buch von ihm versteckt? Ich versuche, die Misere logisch anzugehen, meine mich zu erinnern, wann ich eines seiner Werke zum letzten Mal in der Hand gehalten habe, es muss wohl irgendwann in den 1990er-Jahren gewesen sein. Sagt die Vernunft. Bestimmt war es viel später, neues Millennium und so. Sagt die Vorsicht. Das ist Unsinn, sagt die Vernunft. Es wäre keinesfalls unmöglich. Sagt die Erfahrung. Es ist auch einerlei, sag ich mir mürrisch. Es ist, was . . . äh, wie es ist.

Ich hole also eine Leiter (Altbau), damit ich nach längerer Zeit meinen Plafond zurückerobern kann, krame ein Weilchen in den entlegensten Ecken der Bibliothek herum – und tatsächlich, ein Erich Fried taucht auf: „Liebesgedichte“, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin. Ich schlage ihn an einer beliebigen Seite auf und beginne zu lesen: „Aus dem Leben bin ich in Gedichte gegangen, aus den Gedichten bin ich ins Leben gegangen, welcher Weg wird am Ende besser gewesen sein?“

Das frage ich mich mitunter auch, muss ich mir eingestehen, wobei mir einfällt, dass ich Fried definitiv jenes Wörtchen – mitunter – zu verdanken habe. Irgendwann las ich sein Buch „Mitunter sogar Lachen“. Dort tauchte ich ab in dessen Erinnerungswelten, erinnere mich paradoxerweise heute jedoch an keine einzige seiner Geschichten.

Eine Generation von Fried-Lesern

Das Wort „mitunter“ ist aber dank ihm meinem sprachpoetischen Wortschatz hinzugefügt worden. Es erübrigt sich zu erwähnen: Ich mag ein „mitunter“, und es ist für alle Zeiten mit dem Dichter verknüpft. Darüber hinaus ist es schon erstaunlich: Alle, wirklich alle meiner Generation kennen Erich Fried, haben irgendwann etwas von ihm gelesen. Welcher Dichter beziehungsweise welche Dichterin kann das schon von sich behaupten? Ich kann mich außerdem erinnern, als ich meinen ersten, durchaus ernst gemeinten Schreibversuchen nachhing (Gedichte selbstverständlich), dass mich Frieds Reduziertheit und lyrische Schlichtheit ansprachen. Ich erkannte Gedanken darin, die doch einem jeden (normalen) Wesen zwangsläufig einfallen mussten (vor allem wo sie die Liebe betrafen).